In offener Gesellschaft

12 Jun

Vor etwa vier Jahren nahm sich Alan Posener das damals gerade erschienene, von antiisraelischen Ausbrüchen durchzogene Islamismusbuch des Historikers Ernst Nolte vor. Er machte damit, was man damit nur machen konnte: kurzerhand drückte er den “Bullshit”-Button. Heute plaudert Posener mit dem Nolte-Fan Mathias Brodkorb über Islamophobie.

Posener, der schrieb früher doch ganz vernünftige Sachen. Wie die meisten Transatlantiker. Posener war so eine Art Mini-Hitchens.  Als alter Maoist, der inzwischen zu den Liberalen (was immer man in Deutschland so unter “liberal” versteht) übergelaufen war, übersetzte eine Weile manche “Slate”-Kolumnen von Christopher Hitchens für die “Welt”. Besonders in den 2000er Jahren hatte der ebenso von der radikalen Linken kommende, inzwischen leider verstorbene “liberal hawk” eine besonders anziehende Wirkung auf viele sich “liberal” gebende deutsche Publizisten, so eben auch auf den steindummen Hannes Stein und seinen Kumpel Alan Posener (Hitchens kann im Übrigen nicht gerade als besonders israelsolidarisch angesehen werden). So passte es dann auch, dass Posener Hitchens in seinem Atheismus nacheiferte und ganz tapfer gegen Papst Benedikt XVI. zu Felde zog. Freilich blieb Posener im Vergleich zu Hitchens in jeder Hinsicht immer eine Maus – das würde er selbst wohl auch nicht bestreiten.

Letzte Woche nun erkannte er die “Antideutschen” – was auch immer genau er darunter sich vorstellt – als ein ernsthaftes Problem der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Posener hatte sich geärgert, daß mein Freund Daniel Leon Schikora, Sprecher der DIG Hochschulgruppe Rostock, mit einem facebook-Posting ihn an seine Brodkorb-Connection erinnerte. Daniel, dessen Hochschulgruppe vor einigen Monate ein Ranking der Antisemiten Mecklenburg-Vorpommerns veröffentlichte, und darum Probleme mit DIG-Vorstand Robbe bekam, führt in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Bahamas die Causa Brodkorb näher aus.

Schwachsinn, der Mann hat keinen blassen Schimmer von dem, wovon er schreibt, hätte man sagen können. Nichtsdestotrotz schlug Poseners brechend schlechter Text im Netz einige Wellen. Popperianer wie Ingo Way, die aus welchen Gründen auch immer gierig bei jedem “Antideutschen”-Bashing mitmarschieren, waren freilich sofort zur Stelle. Ausführlich reagierte ein Aktionsbündnis, das Posener zum Wutbürger der Woche kürte. Alan Posener ist derweil derart verbissen in seinem hilflosen Versuch, gegen “Antideutsche” zu polemisieren, daß er sich in einem weiteren Beitrag um Kopf und Kragen redet.

“Linksradikale” ins Visier zu nehmen, ist in der Nähe zum Israelhasser Brodkorb und in einer Reihe mit Ernst Nolte und Jürgen Elsässer vielleicht das einzige, was ihm übrigbleibt. Posener ist kein Mini-Hitchens. Eher ähnelt sein Werdegang sehr dem von Rainer Zitelmann. Sie erinnern sich? Wie Posener ein alter Maoist, hatte Zitelmann 1986 mit einer Arbeit über den Führer bei Ernst Nolte (!) promoviert. Später schrieb er für die “Welt” (!!)- als Ressortleiter Zeitgeschichte. Seinen publizistischen Höhepunkt hatte Zitelmann, der heute in Immobilien macht, Mitte der Neunziger Jahre mit  dem Bemühen, eine “demokratische Rechte” zu etablieren und Linkstendenzen in den Medien anzuprangern. Posener ist um die Deutsch-Israelische Freundschaft bemüht und ächzt gegen die, die ihm seine Allianz mit echten Israelfeinden vorhalten. Vielleicht ist es ja für Immobilien noch nicht zu spät.

Wie ich blogge

9 Jun

Ich wurde nicht gefragt (was Wunder). Aber mir gefällt das Stöckchen, das ich nicht bekam, sondern nur überall lese, sehr.

Bloggerinnen-Typ:

Erstaunlich gelassen im Vergleich zum realen Leben, in dem ich oft sehr impulsiv bin.

Gerätschaften digital:

Laptop Sony Vaio (2008 gekauft) und Smartphone Samsung SII mit Android (mein Zweites, nachdem mir mein erstes in der Rosanellis Bar zu Mannheim geklaut wurde). Blogtexte entstehen so ziemlich alle auf dem Vaio.

Gerätschaften analog:

Äh, ein College Din A 4 Notizblock.

Arbeitsweise:

Spontan. Ich würde zwar gerne Blogtexte länger planen, aber das gelingt mir nicht. Ich blogge weniger, als ich gerne würde, was allein darin begründet ist, dass ich ein langen Arbeitstag und mit dem Schreiben bereits mein Geld verdiene, zu einem kleinen Teil gehören auch Blogtexte dazu. Und irgendwann ist dann eben auch mal gut. Aber es gibt Themen, da ist mir schnell klar, daß ich dazu einfach bloggen muß. Dann ist natürlich auch die Zeit dafür da. Ich schreibe die Artikel dann meist sehr hastig. Und poste viel zu überstürzt.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?

Ich arbeite viel mit Word-Textdateien, die ich dann eben kopiere. Oder ich schreibe hier bei WordPress einfach direkt rein. Nutze nicht viel Tools, da geht es mir wohl wie vielen.

Wo sammelst du deine Blogideen?

Im Kopf. Seht mal, ich besitze schon keinen persönlichen Kalender, da ich immer alle Termine im Kopf habe, da wird das mit den Blogideen erst recht so gehen. Obwohl ich mir schon manchmal, was in meinen Block schreibe mit der Vorstellung, da jederzeit wieder drauf zurückgreifen zu können. Ist aber Blödsinn. Die besten Blogtexte entstehen, wie gesagt, spontan.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick/Shortcut fürs Bloggen/im Internet?

Ker, ich glaube, die meisten anderen Leute, nicht nur Blogger, arbeiten viel, viel effizienter als ich. Bin den ganzen lieben Tag im Internet, lese oft dieselben Wikipedia-Artikel zum zehnten Mal, ich ich spare keine Zeit, ich dehne sie.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche?

Nein. Ich schreibe To-Dos (richtige Schreibweise?) auf der Arbeit in meinen Notizblock. Was aber auch eher für die Katz ist.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät, ohne das du nicht leben kannst?

Meine Garmin 305 Laufuhr.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?

Im Moment der Pressepuff in der ARD (d.h. ich höre keine Musik). Oft höre ich aber den lieben Kollegen Doppel-D, kein Scherz. Alles andere ist stimmungsabhängig.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Nachtigall?

Eher der Frühaufsteher Berufsbedingt, gegen 06.45 Uhr unter der Woche. Wochenends auch nicht viel später. Und ins Bett gehe ich aber deutlich vor Mitternacht. Also wenn ich nicht gerade zu wirklich massivem Feiern gezwungen wurde. Das geschieht aber nur noch maximal alle zwei Monate mal. Oder wenn ich vom Fußball zurückkomme.

Eher introvertiert oder extrovertiert?

Im Schulzeugnis stand immer: passiv, passiv, passiv, zu ruhig, zu still….das hat sich bis heute nicht großartig geändert.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?

Der Düsi, der könnte euch mit Sicherheit einiges über entsprechende Tools erzählen:-)

Der beste Rat den du je bekommen hast?

Von einem Freund im November 2011, mich schleunigst in die Klinik zu begeben.

Noch irgendwas wichtiges?

Blogs leben noch. Und das hoffentlich noch sehr lange!

20 Jahre Solingen – das Opfer war wieder der Täter

29 Mai

Die Zeiten ändern sich und bleiben dabei doch stets die alten. Die Chronologie der Ereignisse vom Spätsommer und Herbst 1992, der damals häufig als zweiter “Deutscher Herbst” bezeichnet wurde , bis zum Asylkompromiß und den wenige Tage später folgenden Morden im Mai 1993 ist in den letzten Tagen umfassend beschrieben worden. So sehr sich vieles verändert haben mag, so weit scheint dieses Damals gar nicht entfernt. Warum die Entscheidung von Mevlüde Genç, die heute vor 20 Jahren zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, zu bewundern ist, wurde mir unlängst vor Augen geführt.

Weil mir meine Skype-Telefonate mit meinem Vater und das Englisch nicht ausreichen, um in Übung zu bleiben, mache ich an der Abendakadamie – so nennt man in meiner Stadt die Volkshochschule einen Englischen Konversationskurs. Dort diskutieren wir zu Beginn immer erstmal die Nachrichten. Was oft auch schon den Abend ausfüllt. Im Zusammenhang mit dem Beginn des #NSU Prozesses meinte der Lehrer vor wenigen Wochen, dass die Medien auf rechte viel sensibler reagierten als auf linke. Das veranlasste eine Frau ganz aufgebracht folgende “Story” zu erzählen:

Sie komme aus Solingen, wo es keine Rechten gebe, organisierte Linke selbstverständlich schon. Dort hätten vor vielen Jahren (ihr war nicht bewußt, daß der 20. Jahrestag des Mordes nahte, denn der sie gab 1989 als Tatzeitpunkt an) hätten Jugendliche das Haus der türkischen Familie Genç angezündet. Dabei seien die Kinder ums Leben gekommen. Gut okay, die seien zwar tot, so die Frau wörtlich (im Englischen). Aber die Familie lebe heute in einer Villa, daß einem die Augen rausfielen. Und alles, wirklich alles bekomme die Familie Genç heute umsonst. Und wer dies hinterfrage  oder der Familie verweigere, sei ein böser Deutscher, der sich nicht an den Zweiten Weltkrieg erinnere.

“Wow, that’s a thing”, so der Lehrer. Der Moderator (nicht der Kursleiter, sondern ein Teilnehmer, der die “News”-Runde moderierte) fragte nach, ob dies wirklich heiße, dass diese Familie auch einen Fernseher bekäme, wenn zum Media Markt gehe. Ja, das heiße es, wiederholte die Frau, und wer ihr den nicht gebe, erinnere sich nicht an den Zweiten Weltkrieg.

Ich war sprachlos. Noch am selben Abend schaute ich nach, ob man von dieser Sorte Tratsch noch mehr finde. Und in der Tat wirft beispielsweise ein Artikel von Andreas Wyputta zum 15. Jahrestag ein Licht auf den Umgang der Stadt Solingen mit dem Verbrechen:

In der Stadt wurde getratscht, sie habe sich unter Hinweis auf den Anschlag schon mal geweigert, ihre Einkäufe zu bezahlen. Und das neue Haus der Familie – bezahlt mit dem Geld der Versicherung und dem Kaufpreis für das Grundstück in der Unteren Wernerstraße – sei ja mehr als luxuriös, sogar einen Swimmungpool gebe es, erzählen Solinger noch heute. Tatsächlich gibt es dort statt Pool Brandschutzfenster.

Nach 20 Jahren heißt es also nun, die Familie bekomme alles geschenkt. Freilich ist das kein unbekanntes Phänomen. Die Opfer sind die Bösen. Und es beschreibt nicht die nur Solinger, sondern die deutsche Realität heute.

Endspiel – mein 25. Mai in North Carolina

27 Mai

Ich saß einige Minuten leicht benommen in meinem Sessel. Hatte den Gedanken, zum Smartphone zu greifen, und über twitter unserem Gegner, dem FC Bayern München zu gratulieren. Doch irgendwie fehlte mir dazu die Kraft, ich war gelähmt. Und entgegen meiner Ankündigung in der BVB-Bloggerschau zum Champions League Finale, um 22.30 Uhr deutscher Zeit als erstes ein weiteres Bier zu öffnen, dauerte es mehr als eine halbe Stunde nach Abpfiff bis ich mich mit einer weiteren Flasche Beck’s auf den Balkon setzte und leicht betrübt aufs Wasser schaute.

Dabei hatte mal wieder alles mit Streß begonnen. Kennt ihr eine Fußball-Kneipe, die das Champions League finale nicht zeigt? Nein? Also wer im Netz nach “soccer bars” in North Carolina sucht, findet das Dubliner in Wilmington, ein Irish Pub. Mein Dad rief dort in der vergangenen Woche und fragte, ob sie das große finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München zeigen würden, man antwortete voller Inbrunst: “It will definitely be on.”  Ich den ganzen Morgen schon nervlich zu Fuß, erledigten wir also Samstagmittag ein paar Einkäufe in Wilmington und kamen in dem Irish Pub dort kurz vor 14 Uhr, also etwa 50 Minuten vor Anpfiff an. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass hier einige Fußball-Fans schon zusammengekommen seien. Immerhin kannte ich doch einige Fans des FC Liverpool noch aus Raleigh, die in ihrer Stammkneipe stets Premiere und Europa League verfolgten. In einem Irish Pub kämen sicher haufenweise ähnlicher Gestalten zusammen. Weit gefehlt: Im “Dubliner” sah ich einige Männer und Frauen 70+, die ihre Gitarre mitgebracht hatten und offenkundig vor hatten, den Nachmittag über zu musizieren. Auf der Toilette funktionierte das Wasser nicht. Und auf dem nicht besonders großen Bildschirm lief Rugby. Was denn mit dem Spiel sei, fragten wir die Barkeeperin. “You’re asking me question about soccer?” fragte die sie etwas ahnungslos. Ja, heute Nachmittag würde die Band spielen. Der Inhaber zeichne solche Spiele normalerweise auf und zeige sie dann, wenn es im Pub ruhig sei. Aha. Vom Bier ein Viertel getrunken, ergriffen wir die Flucht und jagten die 31 Meilen nachhause zurück. Mein Dad brach sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und auf die Minute schafften wir es zum heimischen Fernseher.

Und so bekam die Frau meines Vaters auf ihre alten Tage ihr erstes Fußballspiel in voller Länge zu sehen. Dante identifizierte sie als “dirty player”, Großkreutz als “very handsome” und über Marco Reus meinte sie: “If I were a teenager, I’d have a big poster of him on my wall.” Erstaunlicherweise erkannte sie aus welchen Gründen auch immer, daß der BVB wohl einen überragenden Trainer haben müsse, wenngleich der mal rasieren solle. “Why aren’t you screaming” kläffte sie mich an, als Weidenfeller wiederholt stark parierte.

Mein Vater genoss das Spiel in vollen Zügen und erzählte mir den Rest des Tages immer wieder, dass mein Team einen exzellenten Auftritt gehabt habe.

Ein Resümee haben mittlerweile andere Fans mit starken Worten geliefert. Ich kann kann mich nur nochmal bei der Mannschaft für diese tolle Saison bedanken – und dafür kann ich mich gar nicht genug bedanken. Mein Dank auch nochmal an Tom, aufgrund dessen Initiative ich beim Gruppenspiel in Madrid gewesen bin. Und natürlich an Paul und Bernd, mit denen ich immer wieder im Westfalenstadion war, zum Beispiel auch beim legendären Rückspiel gegen Malaga. Eine Saison, von der ich immer erzählen werde.

Vor dem Strongman run: Am I ready?

22 Mai

Auf die Idee gekommen war eine Freundin. Kurz nach Weihnachten postete sie die Ausschreibung zum StrongmanRun in der Schweiz. Ich schlug vor, alle Nichtunterschätzer, das ist eine vor neun Jahren im Mannheimer Uniclub ins Leben gerufene Sekte meiner Freunde, also sprich mein Freundeskreis, dort anzumelden. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, aber fast alle machen den Spaß in weniger als zehn Tagen wirklich mit. Am 1. Juni in Engelberg: 19,5 km mit 550 Höhenmetern und um die 30 Hindernissen.

Ihr regelmäßigen Leser meines Blogs kennt meine Geschichte. Ich bin ein alter Marathonläufer, der in den letzten elf Jahren an zahlreichen Volksläufen teilgenommen hat (davon 11 x Marathon mit Bestzeit 03:30), aber nun fast zwei Jahre wegen einer Fersensporn-Verletzung aus dem Geschäft raus ist. Ich habe Anfang des Jahres langsam wieder angefangen zu laufen und das Training seit April intensiviert, und am 1. Mai erstmals wieder mit einem 10-km-Lauf (52:06 min) die form getestet. Über Grundgeschwindigkeit verfüge ich kaum noch, aber die Ausdauer für die Strecke (früher wäre das ja wirklich ein Klacks gewesen) sollte auf jeden Fall reichen. Was mir aber doch Kopfschmerzen macht, sind die zu erwartenden Hindernisse.

Wenn ich mir beispielsweise beim Laufhannes die Berichte vom Nürburgring, dem Training und die entsprechenden Kommentare anschaue, braucht man ja doch einiges an Kraft im Oberkörper und jede Menge Geschicklichkeit. Und ich war nie sonderlich motorisch begabt, geschweige denn in den Armen besonders strong. Da ich im Oktober endlich wieder mal den Köln-Marathon laufen möchte, was freilich auch der Jahreshöhepunkt sein soll, möchte ich es vor allem verletzungsfrei ins Ziel schaffen.

Can I do it? What say you?

Schlägt der Trend die Tradition? Anmerkungen zum Kraichgauer Projekt

21 Mai

“Noch ist Hoffenheim nicht abgestiegen, auch wenn der Traditionslinke und der Burschenschafter es sich wünschen”, bekam ich vor einer Woche lesen. Nach der Niederlage des Projekts gegen den HSV hatte ich das auf facebook umhergehende Bild mit dem Transparent “Tradition schlägt jeden Trend” gepostet. Für den Kommentator waren die Freund-Feind-Verhältnisse schnell geklärt: Das antikapitalistische Ressentiment gegen den “Geldverein” und das rückwärtsgewandte Eintreten für “Tradition” auf der einen Seite, das Geschäftsmodell, das Nazi-Hools und männerbündlerischen Ultras den Haß in die Augen treibt, auf der anderen. So einfach kann die Welt sein.

Und tatsächlich sollten sich die Abschiedsgesänge, die nahezu die gesamte Liga angestimmt hatte, als verfrüht erweisen. Hatte ich noch am Freitag via twitter dazu aufgefordert, sich damit bis nach dem Spiel zurückzuhalten, kam es am 34. Spieltag wie fast zu erwarten war. Während ich in der Luft war und von den Geschehnissen nichts mitbekam, unterlag mein BVB dank zweier geschenkter Elfmeter und mehrer vergebener Chancen der Elf aus Sinsheim. “Hasta la vista, Hopp” war auf der Südtribüne inklusive Fadenkreuz zu sehen. “Ätsch” hieß die Antwort. Nun liegt es am “Traditionsverein” FC Kaiserslautern, den Wunsch von nahezu 100 Prozent der Fans zu erfüllen und das Geschäftsmodell Hoffenheim in die 2. Liga zu verbannen.

Aber ist der Haß auf Dietmar Hopp, die Abneigung gegen die TSG Hoffenheim, die uns mit den ungeliebten Nachbarn aus Gelsenkirchen und dem Rest der Liga vereint, nicht doch furchtbar ressentimentgeladen? Und dieses Geeifer gegen Kommerz altertümlich und albern? Letzteres hat mit der Debatte nichts zu tun: Wie Marc Quambusch vor zwei Jahren in seiner unbedingt lesenwerten Bewertung des Projetks richtig feststellte, ist die TSG weit weniger kommerziell als andere Vereine, da sie nichts zu vermarkten hat. Was hat es aber mit dem Haß auf Hoffenheim auf sich?

Zum Antikapitalismus

Fußball ist eine regressive Angelegenheit. Wer sich ihr verschreibt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück und regrediert gezwungenermaßen immer wieder mal aufs Neue -auch wenn freilich niemand gezwungen ist, über den Fußball seinen Verstand zu verlieren. Ausgesprochen naiv verhält sich, wer den Fußball politisch auflädt und seinem Verein Liberalität und kosmopolitische Offenheit attestiert, während er “Schollenbewußtsein” der gegnerischen Fanszene gegenüberstellt.

Fußball ist ein Volkssport und erfreut sich als Leitsport in Deutschland seit der WM 2006 einer Beliebtheit wie nie zuvor. Selbstverständlich spielen antikapitalistische Ressentiments dabei eine große Rolle. Am häufigsten sind sie in der Gestalt von Unmut gegen die vermeintliche “Geldgier” von Spielern anzutreffen; die zu einem großen Teil abscheulichen Kommentare auf der Facebook-Seite von Mario Götze nach Bekanntgabe von dessen Transfer sind das jüngste Beispiel. Auch der Haß auf den (Traditionsverein) FC Bayern und “das große Geld” hinter seinen Erfolgen zeugen davon. Und so ist auch der Milliardär Dietmar Hopp, der unaufhörlich in die TSG buttert, Objekt antikapitalistischer Ressentiments. Diese sind für die ligaweite Ablehung des Projekts Hoffenheim jedoch keineswegs ausschlaggebend.

Zu Dietmar Hopp

Ich erinnere mich an niemanden, der im Fußball je so ein Feindbild wie Hopp abgegeben hätte. Und ich mag ihn auch nicht. Hopps Hauptproblem ist aus meiner Sicht, daß er keine Kritik verträgt, da er sie nicht gewöhnt ist. Seit der SAP-Gründung 1972 wurde diesem Mann unentwegt auf die Schulter geklopft. Deshalb hält er sich heute für die Krone der Schöpfung, glaubt, sich gegenüber Dienstleistern alles erlauben zu können und behandelt seine direkten Mitarbeiter wie den letzten Dreck (so berichteten beispielsweise etwa Augenzeugen, wie er bei einem Testspiel gegen Waldhof Mannheim nach dem Verzehr einer Bratwurst einem Begleiter seine schmutzige Serviette in die Hand drückte und ihn damit zum Abfalleimer schickte).

Das erklärt aber nicht, warum er bei jedem Spiel seiner TSG von gegnerischen Fans als “Sohn einer Hure” beschimpft und in Fadenkreuzen abgebildet wird. Der wesentliche Grund dafür ist allein die TSG Hoffenheim, die ohne Hopp nicht in der Bundesliga wäre und aus Sicht der Fans “Traditionsvereinen” wie dem FC Kaiserslautern oder Fortuna Düsseldorf im Weg steht.

Zu Tradition vs. Trend

Meine Weisheit ist eine Binse: Fußball-Fans fallen nicht vom Himmel. Die meisten Fans gingen schon mit Papa (und eventuell auch Mama) ins Stadion oder wurden in Kindheitsjahren von Freunden entsprechend beeinflusst. Warum zieht Borussia Mönchengladbach Tausende von Fans ins Ausland, wenn sie erstmals nach Jahren wieder europäisch spielen? Warum freuen sich soviele 50-60-Jährige in der Kneipe heute noch über jedes Gladbacher Tor? Weil der Verein Generationen bewegt hat. Warum spielen die Blauen, die vor mehr als einem halben Jahrhundert ihre letzte Meisterschaft feierten, immer vor ausverkaufter Hütte und haben heute noch mehr Fans und Fanclubs als der letztjährige Double-Sieger? Weil sie vor langer langer Zeit einmal der Verein im Ruhrgebiet waren. Und warum kommen, wie im Juni 2011 vorm Aufstieg, 18.000 Menschen zu einem Fünftligaspiel (!!) des SV Waldhof Mannheim? Weil der Verein trotz geringer Aufenthaltsdauer in der Bundesliga Geschichte geschrieben hat.  Hoffenheims ältester Fanclub wurde 2006 gegründet. Vorher war man hier und da. Die Anzahl der Fans hält sich bis heute in Grenzen. Wenn das Projekt sich in der 1. Liga halten und in der nächsten Saison Meister würde, würde dies in der Region Mannheim/Heidelberg kaum jemanden interessieren. Und doch hätte dieses Szenario Bedeutung.

Denn natürlich zieht der Erfolg an. Wie oft hört man: “Am Anfang fand ich Hoffenheim ja auch gut..” Als das Projekt 2008 den Aufstieg geschafft hatte, von einem Sieg zum anderen spielte und Herbstmeister wurde, stieg die Anzahl der TSG-Sympathisanten rasant. Heute gibt es nichts mehr, mit dem sich sympathisieren ließe. Außer vielleicht bald mit dem Umstand, daß das Projekt trotz der vielen hämischen Abschiedsgesänge den Klassenerhalt schafft.

Zum Erfolg

Ich weiß nicht, ob die Fans in anderen Ländern auch so sehr über die Echtheit ihrer Gefühle, die Echtheit ihrer Liebe, die Echtheit ihres Fan-Seins streiten. Diese Diskussion wird in Deutschland niemals enden. Aber wer, der schon so viele Auswärtsfahrten seiner Mannschaft absolvierte, würde gegen Gelegenheitsbesucher, die ihm die Karten wegschnappen, nicht mal aggressiv? Doch so wie mancher auf Porsche, Apple oder Pocher steht, hat jeder das gute Recht, Hoffenheim “gut zu finden”, wenn die gerade mal wieder attraktiven Fußball spielen. Der nächsten Generation entschlüpfen dann vielleicht die ersten “echten” Fans.

Zur Entwicklung der TSG

Die unter anderem von den altgedienten Waldhöfern Roland Dickgießer und Alfred Schön großgezogene TSG Hoffenheim ist heute eine aggressive Marketingmaschine, die sich mit Einschüchterungsversuchen gegenüber Journalisten auch jenseits der Fanszenen reichlich unbeliebt macht. Auch deshalb will mir nicht einleuchten, wie mancher in diesem Projekt Fortschritt, gar emanzipatorisches Potenzial erkennen kann. Hoffenheim hatte angekündigt, vornehmlich auf Spieler aus der Region zu setzen. Das Nachwuchskonzept war von Anfang an erstunken und erlogen. Sportlich ist die Entwicklung der letzten Jahre rein gar nicht nachzuvollziehen. Die Zusammenstellung des Kaders wurde hauptsächlich durch Rogon und dessen windigen Geschäftsführer Roger Wittmann geprägt. Sich einen Großteil einer Mannschaft von einem einzigen Berater zusammenstellen zu lassen, ist bar jeder Vernunft. Daß hier keine Änderung erfolgt ist, läßt mich auch daran zweifeln, ob Hopp, der beim Aufstieg seines Spielzeugs in einem exemplarischen Interview zeigte, wieviel Ahnung er von Fußball hat, wenigstens noch über den Geschäftssinn verfügt, der ihn ohne Zweifel einmal auszeichnete.

Doch wer weiß. Ich werde bei den Relegationsspielen mit Fußballdeutschland auf den Abstieg der TSG hoffen. So ganz daran glauben kann ich schon nicht mehr. Sollte ihr der Klassenerhalt gelingen, wird dies ohne Zweifel viele Beobachter beeindrucken. Und dies könnte sich als erster wichtiger Schritt in eine Zukunft erweisen, in der man die TSG Hoffenheim als honorigen “Traditionsverein” feiern wird. Doch bis dahin werden mehrere Jahrzehnte vergehen. Und ich werde als Greis auch dann noch aufschluchzen, wenn es -Got bewahre! – wieder ins Sinsheimer Stadion an der Autobahn geht.

Wieviele Alternativen für Deutschland gab es eigentlich schon?

14 Apr

Heute soll in Berlin eine Partei gegründet werden, die es vor 15 Jahren schon mal gab: die Alternative für Deutschland.

Unterstützt werde diese Partei, heißt es, von “überdurchschnittlich vielen ehemaligen oder noch amtierenden Lehrstuhlinhabern der Volkswirtschaftslehre.”  Zu den Unterstützern gehören 47/11 immer dabei – Prof. Dr. Joachim Starbatty (Tübingen), Prof. Dr. Franz-Ulrich Willeke (Heidelberg), Prof Dr. Karl-Albrecht Schachtschneider (Erlangen, kein Volkswirt, sondern Jurist, Öffentliches Recht), Dr. Bruno Bandulet (Journalist und Verleger, Bad Kissingen), Prof Dr. Roland Vaubel (Mannheim).

Am 23. Januar 1994 gründete sich als liberal-konservative Alternative für Deutschland in Wiesbaden der Bund Freier Bürger – Die Freiheitlichen. Zu den Unterstützern bzw. Gründungsmitgliedern gehörten Prof. Dr. Joachim Starbatty, Prof. Dr. Franz-Ulrich Willeke, Prof Dr. Karl-Albrecht Schachtschneider, Dr. Bruno Bandulet, Prof Dr. Roland Vaubel (Mannheim).

Die Partei ging 94 in den Europawahlkampf als die “D-Mark-Partei” und hatte zunächst das Image einer “Professorenpartei.” Aber damals waren die Zeiten andere. Die freien Bürger zahlten noch in D-Mark und in Österreich lebte noch Jörg Haider, der an der Spitze der Freiheitlichen Partei Österreichs stand und seine größten erfolge noch vor sich hatte. Manfred Brunner, ehemaliger bayerischer FDP-Landeschef und Stabschef bei EU-Kommissar Martin Bangemann, Bundesvorsitzender der neu gegründeten Partei, leistete gelungene Öffentlichkeitsarbeit, indem er seine Freundschaft mit Haider immer wieder betonte. Bis auf Willeke und dem hessischen Junge-Freiheit-Autor Bernd-Thomas Ramb verließen die meisten Profs wieder die Partei. Nach respektablen 1,1% bei der Europawahl verschwand die Partei in der Versenkung bis sich 1997/98 einige weitere “Nationalliberale” von der FDP lösten. Der Parteivorstand wurde nun um den späteren Schlagersänger Markus Roscher und den evangelischen Pfaffen und Psychopathen Heiner Kappel bereichert. Die Partei wuchs von 1000 auf über 3000 Mitglieder an und wähnte sich sich bereits als der neue Koalitionspartner der Union. Das Ergebnis waren 0,4 % bei der bayerischen Landtagswahl und 0,2% bei der Bundestagswahl 1998. In der Folgezeit suchte die Partei den Schulterschluß mit den Republikanern bis sie Ende des Jahres 2000 unter ihren Schulden zu Grunde ging.

Und jetzt das Ganze also nochmal? Die Partei hat heute schon mehr Mitglieder als der BFB zu seiner besten Zeit. Der größte Unterschied zu den 90ern: Der Euro existiert. Und mit ihm die europäische Schuldenkrise. Jörg Haider dagegen ist tot und die bekanntesten Gesichter der “D-Mark-Partei”  sucht man vergeblich.

Was macht eigentlich Bolko Hoffmann, der noch ne Anti-Euro-Alternative am Start? Ach, der ist gestorben.

Aber: Wieviele “Alternativen für Deutschland” sind seit 49 eigentlich schon ins Leben gerufen worden? Wieviele “bürgerliche Protestparteien”? Wieviele “neue konservative Formationen”? Das wäre ein wunderbares Thema für eine Magisterarbeit. Sie sind alle gescheitert. Und so könnte man sich den heutigen Gründungsparteitag sparen.

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