Früchte des "perversen Antikommunismus"

17 Mai

Sehr geehrter Herr Broder,
sehr geehrter Herr Maxeiner,
sehr geehrter Herr Miersch,

hiermit protestieren wir aufs schärfste gegen die geschichtsrevisionistischen Ausführungen Vera Lengsfelds, die auf Ihrer „Achse des Guten“ erschienen sind (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/doppeltagebuch_1989_2009_8_mai/). Vera Lengsfeld äußert sich hier, wie folgt, zum Fall Iwan Demjanjuk:

„Das Kriegsende vor spielt unter den heutigen Topthemen keine Rolle. Eher schon die bevorstehende Auslieferung von Iwan Demjanjuk, dem Mittäterschaft am Tod von tausenden Häftlingen vorgeworfen wird. In der stalinistischen Sowjetunion war der Mann Traktorfahrer. Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mitansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden. Als er gefangen genommen wurde, wusste er, dass seine Familie daheim verhaftet und in die Lager deportiert werden würde. Nach einem stalinistischen Gesetz war nicht nur der kriegsgefangene Soldat ein Verräter, sondern eben auch seine Familie. Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. Die Israelis haben ihn dafür zum Tode verurteilt, nach sieben Jahren Haft wegen Mangel an Beweisen freigelassen. Demjanjuk kehrte nach Amerika zurück. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde? Nun will ihn die deutsche Justiz und man wird das Gefühl nicht los, sie will ein Exempel statuieren, um von ihrem Versagen bei der juristischen Bewertung der Verbrechen der beiden totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts abzulenken.“ (Hervorhebung von uns)

Zum einen wird das Schicksal von Familienangehörigen Demjanjuks, die infolge „stalinistische(r) Willkür“ deportiert worden seien, umstandslos mit dem Schicksal der jüdischen (und nicht-jüdischen) Opfer nationalsozialistischer Völkermord-Verbrechen gleichgestellt, an deren Ausführung Demjanjuk mitwirkte (was auch Lengsfeld nicht bestreitet). Somit nivelliert die Autorin die Singularität des NS-Judenmords in einer Weise, die noch über die Auslassungen eines Martin Hohmann in diesem Zusammenhang hinausgeht. Zum anderen jedoch ordnet Lengsfeld – was weitaus gravierender ist – den Täter Demjanjuk allen Ernstes den Opfern des Stalinismus UND des Nationalsozialismus zu.

In der Logik eines „perversen Antikommunismus“ (Ralph Giordano), wie ihn Lengsfeld nicht erst seit dem 8. Mai dieses Jahres artikuliert hat, könnte etwa der Fall Gregor Gysi als Analogon zum Fall Demjanjuk betrachtet werden: Eine Reihe von Gysis Familienangehörigen fiel der Nazi-Diktatur zum Opfer, und in einer anderen „totalitären Diktatur“ trat Gysi als „Täter“ hervor. Würde Lengsfeld Gysi (dessen Handlungen – nota bene – nur in der Logik eines rasenden Antikommunismus mit jenen Demjanjuks auch nur im entferntesten vergleichbar sind!) etwa mitleidvoll bescheinigen, seine Existenz sei von zwei „totalitären Diktaturen“ „vollständig zerrieben“ worden? Natürlich nicht! Würde sich irgendein Parteifreund Gysis derart äußern, wäre Lengsfeld unter den ersten, die dies als Beweis für eine pro-totalitäre Haltung der „Linkspartei“ anführten.

Die gleichen Maßstäbe sollten an die ungeheuerlichen Äußerungen Lengsfelds zum Fall des Hitlerschen Schlächters Demjanjuk angelegt werden – Äußerungen, wie sie sich bislang ausschließlich in neonazistischen Publikationen, etwa der „Deutschen National-Zeitung“ Gerhard Freys, fanden.

Eine „Achse des Guten“, deren Engagement für bürgerliche Freiheit gegenüber religiösen Fanatikern und Ökologisten/Environmentalisten wir außerordentlich schätzen, darf sich nicht zum Sprachrohr einer Exkulpierung der willigen Vollstrecker Hitler-Deutschlands machen. Wer Demjanjuk für ein „Opfer“ zweier totalitärer Diktaturen erklärt, hat sich aus dem Konsens der wirklichen Antitotalitaristen herauskatapultiert.

Wir wären Ihnen außerordentlich verbunden, wenn Sie uns darüber in Kenntnis setzen könnten, welche Konsequenzen Sie aus der Veröffentlichung der genannten Äußerungen Lengsfelds ziehen.

Mit freundlichen Grüßen
Mark P. Haverkamp
Daniel Leon Schikora
Tilman Tarach

3 Antworten to “Früchte des "perversen Antikommunismus"”

  1. vonhaeften Mai 17, 2009 um 8:39 pm #

    Endlich können Sie mal etwas gegen diese „Logik eines perversen Antikommunismus“ schreiben, die Lengsfeld Ihrer Meinung nach nicht erst seit dem 8.Mai artikuliert hat. Diese Sorte Berichterstattung über die Ereignisse 1989 scheint die drei Unterzeichner des Briefes an Broder/Miersch/Maxeiner schon lange angewidert zu haben, oder warum haben diese nun die Lengsfeld bei den drei Oberlehrern verpetzt? Es ist wirklich erbärmlich. Anstatt sich mit Lengsfeld über diesen einen Satz, den Sie in Ihrem Schreiben fett herausgehoben haben, erst einmal direkt auseinanderzusetzen, rennt man gleich zur Schulleitung – endlich hat man Lengsfeld am Wickel, man wußte es ja schon immer, daß diese perverse Antikommunistin eine Doppelagentin ist, die auch bei der „Deutschen National-Zeitung“ Gerhard Freys schreibt. Also fahren Haverkamp, Schikora und Tarach die dicke Berta auf und laden nach: es werden „Konsequenzen“ von den drei Herausgebern der Achse gefordert – sonst werden Haverkamp und seine Freunde womöglich den Link auf die Achse von ihren Blogs entfernen.Also, liebe Achse: wenn du dich nicht zu einem „Sprachrohr einer Exkulpierung der willigen Vollstrecker Hitler-Deutschlands“ machen willst („Rechtfertigung“ statt „Exkulpierung“ hätte es auch getan, aber die Kollegen Blogger sind ja gebildete Antitotalitaristen, die sich gerne unverständlich ausdrücken), dann solltest du Vera Lengsfeld zu einer öffentlichen Veranstaltung einladen, auf der sie Selbstkritik üben kann. Ob sie danach noch weiter schreiben darf, entscheiden dann in gewohnt kommunistischer Manier die 100%gen Antitotalitaristen Haverkamp, Schikora und Tarach. Denkbar wären bei Widerspenstigkeit z.B. 20 Jahre Arbeitslager.Ich wäre Ihnen außerordentlich verbunden, wenn Sie mich darüber in Kenntnis setzen könnten, welche Konsequenzen Sie aus Ihrem unsachlichen, Frau Lengsfeld massiv kränkenden Brief ziehen wollen.

  2. Resident Mai 27, 2009 um 9:46 am #

    Auf einen groben Klotz, gehört auch ein grober Keil. Die AdG ist ja selbst auch nicht zimplerlich.Wo Frau Lengsfeld schreibt ist mir eingentlich egal, nicht aber was sie schreibt.Und bei ihren Ausführungen zu Demjanuk weiß man wirklich nicht wo hinten und wo vorne ist.Könnte man noch verstehen, daß Demjanuk als Kommunisgeschädigter (wenn auch das schon fragwürdig ist, würde es doch auch Mußtmaßungen über Demjanuks Familie beruhen) sich der Gegenseite anschließt, so reicht das aber nicht aus um seine Greueltaten im KZ (die auch Frau Lengsfeld nicht bestreitet) zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Und wie sollte das auch gehen: nicht Stalins Schergen wurden in KZs gesteckt, sondern völlig unbeteiligte. Das Rachemotiv zieht also nicht.Wann hat V.L. das eigentlich geschrieben? 1989 oder 2009?

  3. Calamitas Mai 30, 2010 um 4:45 pm #

    Leider sehe ich das erst jetzt. Gaaanz toll widerständig, wie sie es der Lengsfeld gegeben haben. Und über den Müll, der da sonst so verblasen wird, regen Sie sich nicht auf, solange er nicht "antikommunistisch" ist?Da haben Sie dieser hysterischen Krawallschachtel allenfalls noch eine Beachtung verschafft, die sie ganz sicher nicht verdient. Ich habe mich mit dem geschichtsrelativierenden Dreck dieser Frau z.B. hier und hier auseinandergesetzt und dann irgendwann aufgehört, ihr Gesabbel zu lesen, übrigens eine ganze Weile vor dieser Angelegenheit hier, weswegen sie mir wohl auch entgangen ist. Was Ihnen Ihre ganz toll mutige Aktion gebracht hat, sieht man ja. Nach einem Jahr müllt sie dort immer noch den Cyberspace voll. Das geschieht Leuten recht, die immer noch meinen, die Achse hätte eine "Richtung" oder gar eine "Botschaft".

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