Das metaphysische Eichhörnchen – Wilhelm Genazino in Mannheim

27 Feb

Eine schwere Ente steht auf einem Bein mit geschlossenen Augen mitten in der Stadt und schläft. Er nähert sich ihr und stellt fest, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das Tier schläft. Das gibt es doch gar nicht! Dass hier einfach so eine Ente auf einem Bein steht und schläft. Wenn ich nur einmal auf einem Bein stehen und dabei schlafen könnte, dann hätte ich an das Leben keine Ansprüche mehr.

Es ist eine dieser heiteren Szenen aus dem neuen, noch nicht erschienenen Roman von Wilhelm Genzino, die das Publikum an diesem Abend in die Leichtigkeit des Seins versetzen, in das Genzinosche Werk hineinziehen, es mitten in der Welt des Schriftstellers umherwandern lassen. Der Roman, der noch keinen mitteilbaren Titel hat, dreht sich um einen Architekten, Anfang 40, nicht mehr verheiratet und mit einer Maria liiert. Sein Freund Michael Autz (?), der ihn immer mit Aufträgen versorgte, ist gerade (im gleichen Alter wie er), auf einer Couch liegend entweder an einem Herzschlag oder an einem Herzinfarkt gestorben. Dadurch rutscht der Protagonist aus seiner eigenen Gebraucht-Welt in ein echtes Gebraucht-Leben hinein. Er bandelt mit Karin, der Frau des verstorbenen Freundes an, eine Gebraucht-Frau sozusagen, übernimmt schließlich auch noch den Job des Freundes, erhält also einen Gebraucht-Arbeitsplatz, und fährt den Wagen des Freundes, einen Gebrauchtwagen. In welchem er mit Karin zusammen die Kunstausstellungen besuchen fährt, die eigentlich auf der Agenda von Karin und ihres verstorbenen Mannes standen. Er sieht, dass er nun auch noch dieses Programm absolviert.

„Würden Sie sagen, dass dieser Protagonist exemplarisch für ihre Figuren in ihrem Werk ist oder steht der eher außerhalb der Reihe?“ fragte Moderator Thomas Gross Genziano in der anschließend folgenden Diskussion zuerst. „Och, ich glaube, der passt da ganz gut rein,“ antwortete der. „Ja sehr“ stimmt eine Genazino-Kennerin in den vorderen Reihen nickend zu.

Es sind vornehmlich mittlere Angestellte, die Genzino in seinen Romanen beschreibt, von denen ich den Lesern dieses Artikels seit dem 2001 erschienen Publikumserfolg Ein Regenschirm für diesen Tag wirklich jeden dringend ans Herz legen kann. Über eine Empfehlung des Literarischen Quartetts war auch ich damals auf Genzino aufmerksam geworden. Manche seiner Helden haben Ausnahmeberufe wie „Tester für Luxusschuhe“ oder „Apokalypse-Experte“, aber sie alle hängen in der Luft, sind sich selbst abhanden gekommen, wenn sie denn je bei sich waren, verlieren sich in Beobachtungen immer auf der Suche nach Momenten der Daseinsgewißheit, wie sie in dem neuen Roman, der sich noch in Arbeit befindet, in der Szene mit der stehenden Ente einen so schönen Ausdruck findet. Genazino charakterisiert seine Helden denn auch schon sehr zu Beginn mit dem unnachahmlichen Zitat aus dem Werk des wunderbaren Dramatikers Ödon von Horvath: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Seine Figuren sind eigentlich auch ganz anders.

Warum aber werden sie sich dann so fremd? Genazino erklärt selbst, dass sich sein Blick auf das Problem in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Glaubte er als Autor der 1977 erschienenen Abschaffel-Trilogie noch, dass die Gesellschaft in ihrer Gestalt als Monster die alleinige Schuld an der Entfremdung des Einzelnen habe, interessiert er sich heute vor allem für „die verhüllte Selbstbeteiligung des Subjekts an seinem Unglück.“ Und diese auf etwas düstere Weise phänomenalen Bestandteile der Persönlichkeit werden im neuen Roman bspw. an dem Personalausweis eines Fremden verdeutlicht, den er noch vor dem Tod seines Freundes gemeinsam mit ihm gefunden hatte. Und mit dem er sich postlagernd bereits einen Toaster und ein Bügeleisen bestellt hat. Dieses Der-Wirklichkeit-eine-Schnippe-schlagen übt dann doch eine so große Faszination auf jemanden aus, der es weder von seiner intellektuellen Veranlagung noch seiner materiellen Situation her nötig hätte, dass er sich entgleitet. Es ist dieser „Widerspruch des Subjekts“ (Adorno), den Genazino in seinen Büchern immer wieder hervortreten lässt. Die Figur weiß genau, was sie nicht will, aber dadurch, dass sie es so genau weiß, bringt sie es „hintenrum“ ständig neu hervor. Es ist dieser Widerspruch des Subjekts mit sich, der auch die Hauptfigur des neuen Romans, aus dem Genazino an diesem Freitag, den 26. Februar 2010 in der Alten Feuerwache in Mannheim liest, dazu bringt, obwohl er sich doch außer einem neuen Wasserkocher noch ein Bett kaufen wollte, schließlich einen Fertigsalat zu kaufen. Einen Fertigsalat, den er schließlich in seine Fertigwohnung mitnimmt, wo er in seinem Fertigbett einen Fertigschlaf absolvieren wird. Das Publikum lacht.

„Wissen Sie ich komme ja auch viel rum in Büros..beim Rundfunk, für den ich arbeite, das gibt es wirklich, es gibt Frauen, die gehen in die Mittagspause und kaufen sich einen Fertigsalat und dann sitzen sie an ihrem Schreibtisch und dann essen sie da ihren Fertigsalat,“ sagt Genzino. Er sehe natürlich auch die Nähe zur Komödie, das Lachen des Publikums bestätige es ihm, aber komisch sei das nicht. Das sei eher eine milde Bitterkeit. Und zart-bitter ist die Erfahrung dieser Figuren auch für den Leser, wobei aber doch gerade diese Literatur Selbstverluste teilweise wieder einholt. Das erkennt auch der Moderator, der sonst sich selbst mit einem etwas nervig-monotonen Tonfall im Mannheimer Lingo manchmal unnötigerweise auch ein bißchen zu sehr darstellt, und will wissen, ob die „Schule der Besänftigung“, die in einem der letzten Bücher eine Romanfigur eröffnen wollte, nicht auch eine passende Beschreibung eines Teils des Genazinoschen Anliegens sein könne. Er sehe das Sektiererische darin, antwortet Wilhelm Genazino, aber „der Idee nach ja.“

Der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller gleiche ja auch seinen Figuren insofern, als er auch viel spazieren gehe und sich seine Bebachtungen notiere; ob ihm auf dem Weg zur Alten Feuerwache auch eine Besonderheit aufgefallen sei, fragt Thomas Gross, der das Gespräch offenbar noch unbedingt auf die Kurpfalz lenken will. Es gebe da ja diese verkümmerte Grünanlage am Mannheimer Nationaltheater, dort habe er ein Eichhörnchen gesehen, sagt Genazino zögerlich. Ein Eichhörnchen in einer Situation der Not, es regnete, er hatte einen Schirm, das Eichhörnchen nicht, und für einen kurzen Moment sah es ihn an, erschrak und versuchte einzuordnen, ob er eine Gefahr darstelle oder nicht, und da habe er das Gefühl gehabt: Eine Einzelheit spricht mit mir. Ein Eichhörnchen, aus dem in dieser Sekunde der alltägliche Wahnsinn spricht, von dem es nichts weiß. Ein metaphysisches Eichhörnchen. Auch er sei eigentlich ein solches metaphysisches Eichhörnchen. Und irgendwie als solche werden auch die Besucher aus dem Abend mit diesem herausragenden Erzähler entlassen. Auf der Suche nach Schutz vor der strukturellen Gewalt dieser Welt und irgendeiner Daseinsgewißheit. Wenn man nur einmal wie eine Ente auf einem Bein stehend schlafen könnte.

Eine Antwort to “Das metaphysische Eichhörnchen – Wilhelm Genazino in Mannheim”

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  1. Ein Wiesel in der Ekelstadt – Wilhelm Genazino zum 70. Geburtstag | Power of Will - März 10, 2013

    […] Feuerwache las und sein Roman “Wenn wir Tiere wären” gerade in Arbeit war, habe ich schon mal darüber gebloggt. Wieder moderiert Thomas Groß vom Mannheimer Morgen, aber der Veranstaltung läuft diesmal in der […]

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