Zielen auf den Nullpunkt

8 Dez

Drei Zustände sind der Schlüssel zum Erlebnis: der Rausch, der Schlaf und der Tod
-Ernst Jünger

In nichts waren die Zeitgenossen Martin Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger wohl so nah beieinander wie in ihrer Verehrung des Todes. Dabei haben sich all diese drei Vertreter der Deutschen Ideologie sehr lange Zeit für das Sterben gelassen. Beides steht nicht unbedingt im Widerspruch zueinander. Ernst Jüngers fast 103 Jahre langes Leben war ein einziges Wirken, das darauf gerichtet war, auf den Nullpunkt zu zielen, immer wieder aufs Neue Zeuge des Todes zu werden, Zuschauer des Sterbens, selbst Verwandler von Lebendigem in Totes zu sein. Dies zeigt die Ernst-Jünger-Ausstellung in Marbach (Neckar).
Da gelangt der Besucher die Treppe hinunter und stößt zunächst auf einen bunten Schirm, eins der Modelle, mit denen Jünger auf Käferjagd ging. Von diesem Mordinstrument in die entsprechende Stimmung versetzt, geht es weiter in dunkle Räume. Auf dem Boden liegt Jüngers Helm aus dem Ersten Weltkrieg, der ihm das Leben rettete, daneben Jüngers Tagebuchnotiz von 1917: „Ich schaute nach, ob das Gehirn noch intakt war. Zum Glück nur Blut.“

Die Ausstellung versammelt handschriftliche und typografische Manuskripte Jüngers, beginnend bei seiner Schulzeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts bis kurz vor seinem Tode 1998. Hauptanliegen der Ausstellungsmacher ist es, Jünger als unermüdlichen Produzenten und Textver- und bearbeiter vorzustellen. Das gelingt ihnen. Der Zeuge verschiedener Epochen arbeitete seine Manuskripte immer wieder neu durch, schmückte seine Notizen mit Käfern und Zeichnungen, bemalte Worte und Sentenzen bis zur Unkenntlichkeit, änderte die Formate und fügte verschiedene Texte zusammen. Er war eben ein kalter und penibler „Arbeiter“, dem noch die Feder zur mörderischen Waffe geriet. Die Schau ist in zehn thematische Punkte gegliedert, darunter „Am Nullpunkt“, „Letzte Worte“, „Totale Tinte“, Blüten und Reime“ oder „Positivistische Etappe.“

Die Sehnsucht nach „letzten Worte.“ Auf einer Karteikarte zum bayerischen Komiker Karl Valentin schrieb er das Zitat: „Ich wußte nicht, wie schön Sterben sein kann.“

Gesammelt hat er nicht nur tote Käfer. Urlaubsbilder und Souvenirs häufte der wohl am meisten und weitesten gereiste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ebenso an wie unzählige Muscheln, Schmuck und unzählige Kalendernotizen. Ferner finden sich Bücher, die Jünger „in tiefer Verehrung“ von so unterschiedlichen Figuren wie Ulla Hahn, Friedrich Dürrenmatt oder Joseph Kardinal Ratzinger in den 1990er Jahren gewidmet wurden. Briefe hängen an der Wand, darunter ein Brief von Jünger an den Nazi Werner Best aus dem Jahr 1973, von Rudolf Hess aus dem Jahr 1926 (es geht um die Vereinbarung eines Treffens mit Hitler, das später dann kurzfristig abgesagt worden war), von und an Armin Mohler aus dem Jahr 1968.

Ich war von der Ausstellung nach anderthalbstündigem Aufenthalt derart eingenommen, daß ich auf einen Besuch im Schiller-Nationalmuseum verzichten musste. Stattdessen gönnte ich mir ein Mittagessen in der Marbacher Glocke (Prädikat: sehr empfehlenswert).
Die Ausstellung „Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund“ ist noch bis zum 27. März 2011 im Literaturmuseum der Moderne zu sehen.

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