Mein elfter September in Deutschland

10 Sep

Es war sowieso ein fürchterliches Jahr, das Jahr 2001. Für mich wirklich das mit Abstand schlechteste der Nullerjahre. Damals im Spätsommer oder Frühherbst kämpfte ich gerade um mein Vordiplom.  Ich war extrem unzufrieden mit mir selbst und sah keine Perspektiven. Ende August, Anfang September war ich bei meinem Dad, der zu der Zeit noch in Alexandria/Virginia lebte, unweit also vom Pentagon entfernt. Wir fuhren am 28. August zur Verwandschaft nach Long Island/New York, wo ich 23 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte.  Es hört sich heute komisch an, aber als ich von der Autobahn aus links das World Trade Center sah, waren genau meine Gedanken: Steht noch. Auf Long Island besuchten wir dann meine Tanten und Cousins und wir unterhielten uns über die Leere in den Nachrichten und warum beispielsweise Larry King in zehn Sendungen über dasgleiche Thema, nämlich die Entführung von ich weiß nicht mehr wem diskutiert.

Der Tag

Wieder in Alexandria, feierten wir am 3. den Geburtstag der Frau meines Vaters auf dem Tennisplatz im Garten eines älteren Herrn namens Lee. Am 4. flog ich zurück nach Deutschland in mein studentisches Elend. Am 11. weckte meine Mutter mich frühmorgens, um sich zu verabschieden, denn sie flog an dem Tag alleine in Urlaub nach Spanien. Ich machte mich vormittags wie üblich zu der Zeit nach Heidelberg ins Alfred-Weber-Institut, das damals noch am Universitätsplatz war. Kurz nach Mittag saß ich auf dem Haus meiner Studentenverbindung und las die FAZ. Flo saß im Nebenzimmer und schaute irgendwas Kindisches im Fernsehen, wie jeden Mittag auf diesem Haus irgendjemand was Kindisches im Fernsehen sah. Plötzlich in der Werbepause hörte ich es: In New York sei ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen. Was?? Ich tat es erstmal ab und dachte an einen Irrsinnigen, der eben einen Unfall hatte und las leicht verstört weiter. Flo ging und Philipp nahm vorm Fernseher Platz. Da wurde auch schon live nach New York geschaltet und wieder von den Ereignissen in New York erzählt. Entweder Flo oder Philipp hatte auf n-tv geschaltet. Bevor flo sich verabschiedete, meinte er noch: „Haben ich eben schon gesehen, echt heftig.“ Ich nahm in dem Fernseh zimmer am Eßtisch Platz und sah zwei rauchende Türme. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Flo ging und Günter, der damals unser Hauswart war, kam die Treppe runter und schaute auf den Bildschirm Wenn ein flugzeug in den einen Turm geflogen sei und ein anderes in den anderen, könne man wohl schwerlich von einem Unfall ausgehen, meinte der Nschrichtensprecher. „Ah des isch jo de Hit“ kommentierte Günter und ging ebenso.

Die Amis

„Das waren bestimmt die Amis um irgendeinen Krieg anzufangen“ meinte Philipp, als noch beide Türme standen. Dazu konnte ich keinen Gedanken fassen, denn ich konnte immernoch nicht ganz glauben, was ich da sah. Irgendwann hieß es das auch in Washington Rauch aufsteige und daß es so aussehe, als ob auch da ein Flugzeug irgendwo  heruntergekommen sei. „Machen die jetzt Amerika platt?“ kommentierte Philipp. Ich bekam es langsam wirklich mit der Angst zu tun. Manuel kam die Treppe runter, er hatte oben in seinem zimmer geschlafen und war von einem Bekannten angerufen worden, er solle mal Nachrichten schauen. Mit weit aufgerissenen Augen kam er zu uns und sah auf dem Bildschirm das vollständig in Rauch gehüllte Manhattan. Er war total begeistert. Wie denn wohl die BILD-Schlagzeile am nächsten Tag sein werde und wie Harald Schmidt heute abend „abgehen“ werde, fragte er. Igor aus weißrußland kam aufs Haus und sagte als erstes: „Jetzt weiß das State Department, was es heißt: unsere Wahlen nicht anerkennen.“ Kurz darauf kam Ronald. Wir schauten gerade CNN und der erste Turm war kollabiert. In vier Jahren werde es einen actionfilm mit Bruce willis geben über den Tag heute, meinte Ronald. Philipp brachte noch mehrfach ins Gespräch, daß dahinter „die amis“ stecken müßten. „So bekloppt“ seien selbst die Amis nicht, erwiderte Igor. Irgndwann ging ich ins Telefonzimmer und wollte meinen vater erreichen, aber da kam freilich nur das Besetzt-Zeichen. Der zweite Turm kollabierte. „There are no words“ sagte der CNN-Kommentator. So langsam war mir klar, daß mich sehr starke Gefühle ergriffen. Eine Mischung von Angst, Trauer und Wut, die ich selbst noch nicht so richtig einordnen konnte.

Nachdem Klarheit über sämtliche Ereignisse herrschte, gingen wir nur in die Heidelberger Altstadt. „Die spinnen doch die Arabs“ meinte Manuel zu einem arabisch aussehenden Herrn hinterm Tresen. „Is des sischer, is des sischer?“ fragte der zurück. Dann gingen wir, was ich wirklich ausgesprochen skurril fand, in eine Kirche, wo einige Menschen Kerzen anzündeten.

Hoffnung

Ich fuhr zwischen 21 und 22 Uhr mit der OEG zurück nach Mannheim. Ich sehe die Menschen in der Bahn noch genau vor mir heute. Ich wollte nicht begreifen, daß sie alle so vollkommen teilnahmslos dasaßen. auch wenn ringsherum gar nichts passiert war, fühlte ich mich doch mitten in der Kriegszone. Ich fühlte mich ,als hätte man mir mein eigenes Haus zerstört und mir meine Heimat genommen. Ich fühlte mich so unendlich gedemütigt. Zuhause sah ich, wie die Kongreßabgeordneten spontan „God bless America“ sangen und wie Präsident Bush eine Ansprache an die Nation hielt. Das war ein Hoffnungsschimmer.

In meinem Tagebuch sprach ich tagsdrauf vom „Einbruch des Teufels in die zivilisierte Welt.“ Wenn ich heute zurückschaue, dann weiß ich, daß das der Tag war, der mich in meinem jungen erwachsenendasein entscheidend geprägt hat. Er hat mein politisches koordinatensystem durcheinandergewirbelt, meine Haltung zu Deutschland, dem Islam, Antiamerikanismus und Antisemitismus ganz entscheidend geprägt. Von der heilen Welt der guten alten Neunziger war nichts mehr übrig. So viele Fehler die amerikanische Regierung in den jahren danach auch machte und so naiv ich auch diverse Entscheidungen, traumatisiert wie ich war, unterstützt hatte, so weiß ich heute immernoch, daß ich alles im kontext dieses Tages betrachten muß. Was hätte ich eigentlich gemacht, wenn ich an em Tag politische Verantwortung gehabt hätte? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß es richtig war und ist, Böses böse zu nennen. Und die Attentäter waren böse und sonst nichts. „Zwischen Gut und Böse gibt es keine Kompromisse“ brachte es George W. Bush in seiner letzten offiziellen ansprache im Januar 2009 nochmal auf den Punkt. So ist es.

Eine Antwort to “Mein elfter September in Deutschland”

  1. kevin September 10, 2011 um 10:22 pm #

    Ich finde ich es gut, dass es gerade auch die persönlichen Gesichten sind, die zu diesem Tag im Internet auftauchen, wir uns erzählen, was dieser Tag mit uns gemacht hat, und so irgendwie versuchen Sinn in diese Sinnlosigkeit zu bringen. Danke für deine Geschichte.

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