Wolfgang Pohrts Frieden mit dem Kapitalismus

3 Mrz

Eins vorweg: Pohrts neues Bändchen ist im Grunde so überflüssig wie dieses Weblog. Aber ich bekenne, ich gehöre zu denen, die sich nach wie vor gierig auf seine Texte stürzen und habe das Kapitalismus Forever trotz Wohnungssuche und beruflichem Streß in einem Zug durchgelesen. Und gemessen an meinen niedrigen erwartungen ist das Buch echt gut, ganz genauso gut wie ämtliche seiner früheren Werke.

Wolfgang Pohrt ist ein Klassiker, der seit eh und jeh in jeder Bahamas in mindestens einer Fußnote auftaucht und seit Jahren von Hinz und Kunz zitiert wird. Die meisten verbreiten die ansicht, in den 70ern, 80ern und frühen 90ern sei er ein genialer Autor gewesen, aber inzwischen sei er hoffnungslos regrediert. Dazu gab es Ende der 90er erste Anzeichen in „Brothers in Crime“ und seinen letzten konkret-Texten, dann nach seinem Vortrag 2003 im Berliner Tempodrom und jetzt erst recht seit der Veröffentlichung des Vorabdrucks aus Kapitalismus Forever im Berliner Tagesspiegel. Ich teile diese ansicht ganz und gar nicht. Das ist Quatsch. Pohrt ist heute ein so glänzender Autor wie 1981.

Ich lasse mir ja vielleicht noch gefallen, daß seine neuen Sachen weniger zum Erkenntnisgewinn beitragen als seine alten Texte. Das liegt aber weniger daran, daß Pohrt regrediert als daran, daß alles gesagt ist, was zu sagen ist. An Unterhaltungswert, Klarheit und gedanklicher Schärfe hat seine Schreibe keinen Milimeter eingebüßt. Pohrt hat den Linken immer den Spiegel vorgehalten und das macht er heute noch. Noch nie hat er seinen Zuhörern und Lesern gesagt, was sie gerne hören würden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als sich auch über Islamkritik lustig zu machen.

Pohrts neues Buch ist im wesentlichen das Eingeständnis, dass das Leben als Kritiker umsonst gewesen ist. Es ist ein Dokument der Desillusionierung. Er hat die Schnauze von allem voll. Zum Kapitalismus gibt es nicht nur mittelfristig, sondern dauerhaft keine Alternative, daher ist jegliche Kritik der politischen Ökonomie überflüssig und Marx-Lektüre Zeitverschwendung. Die Menschen sind so wie sie sind und leben im Grunde auf der Jagd nach mehr vom Kuchen immernoch wie in der Steinzeit, nur eben mit TV, Handy und Internet. So weit, so richtig. Freilich findet sich in dem Buch auch einiger Quatsch, beispielsweise das grundbescheuerte Gedankenexperiment, was wohl herausgekommen wäre, wenn Hitler und Stalin ihr Bündnis ausgeweitet hätten. Aber: Quatsch kam bei Pohrt stellenweise auch schon vor 30 Jahren vor.

Jetzt kann man sich natürlich schon fragen, warum er nicht weiter geschwiegen hat und dieses Buch schreiben mußte. Na ja, was soll er den ganzen Tag machen? Außerdem gibt es nach wie vor genug Leute wie mich, die es eben kaufen. Auf mich hat er auch nach wie vor Wirkung: Ich frage mich zum Beispiel gerade, warum ich in den letzten zwei Wochen, statt mich über Gauck aufzuregen, nicht doch noch mehr mit Fußball beschäftigt habe.

Eine Antwort to “Wolfgang Pohrts Frieden mit dem Kapitalismus”

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  1. Wolfgang Pohrt goes Hermann Peter Piwitt oder: Das zweischneidige Ei | Kühns Lindenblatt - März 7, 2012

    […] & eine runde Sicht aufs Buch Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. Dieser Beitrag wurde unter […]

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