Gündogans Frühling und eine Kurzreise in die 20er Jahre

1 Apr

Die drückende Stimmung, das Abgeschittensein von der Welt gerade auf geselligen Veranstaltungen und in den Stunden danach kannte ich nur zu gut. Leben war Agonie, Einsamkeit war ewiges Schicksal. Wer seine Gefühle nicht mehr aushalte, möge sich gefühllos machen, hieß es früher. Doch immer wieder führte ich meine Seele ans Messer. Immer wieder dieser endlos stechende Schmerz.

Wir standen im Freien außerhalb der Stadt und es war an Silvester. Um Mitternacht ließ er sich noch umarmen. Unbestimmte Zeit später saßen wir in einem Bus, er schaute mich mit glasigen Augen an und ließ ein Pendel vor mir herschwingen. Ich sah meinen nahen Tod. Als hätte ich ein Verbrechen begangen, teilte er mir mit, dass ich nie wieder von mir hören lassen solle. In keiner Form. Ich wachte schweißüberströmt auf und hatte immernoch Angst. Er, der soviel verändert hatte, an den ich soviel Hoffnung knüpfte und der mich schließlich in Angst und Schrecken versetzte. Auch in der Wirklichkeit war er mir entglitten.

Der Ballspielverein schien nach einem 2:0 sicherer Sieger zu sein. Ich hatte bei dem Spiel dabei sein wollen, mit bekannten VfB- und BVB-Fans aus Heidelberg. Wir hatten Plätze in der Ecke Nord-Ost. Doch die Zeit ließ es nicht zu. Matze, der alte Schwabe rief mich an. Er hoffe auf ein langweiliges Speil. Damit wir nichts bereuten.

Ilkay Gündogan zeigte superstarken Fußball. Niemand verstand, warum er ausgewechselt wurde, aber ich dachte an die Klopp’sche Trainerleistung. Wie er Gündogan ins Spiel gebracht hatte. Nahezu jeder andere hätte ihn abgeschrieben. In wenigen Minuten wurde ich hilflos. Der Gitarrist und Sänger im Irish Pub drehte sich um, schaute auf den Bildschirm: „Spannend geworden. Eine Fußballkrimi. Und ich muß arbeiten. Doch der Ballspielverein zeigte klasse Moral und kam mit Wucht zurück. Persic 4:3, ich hatte nicht dran geglaubt. Doch als 3 Minten Nachspielzeit angezeigt wurden, wußte ich: Das geht schief. Und das ging es. Ich stand mit dem Rücken zur Wand.

24 Stunden später stand ich mit Knickerbockern in bester Gesellschaft. Hinter Panzerglas. Im Abseits. Zum Ende des Monats März hatte ich nochmal auf den Kalender geschaut mit dem Monatsbild Ilkay Gündogan. Der Monat, in dem er den Sprung hinein geschafft hatte. Ich hingegen war wieder im Nichts.

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