Vom Ende Amerikas?

1 Nov

Wieder könnte ich was über die Ereignisse „in der Zwischenzeit“ schreiben. Und mich erstmal erklären, warum in den letzten Tagen so wenig los war. Das sagen sie oft, die Freizeitblogger. Hier war in letzter Zeit wenig los, weil blablabla. Ich blogge, wann ich kann.

Ich war in Darmstadt beim BVBII, der wider Erwarten gewann. Und natürlich haben die Derby-Niederlage sowie die Siege gegen Real Madrid, SC Freiburg und VfR Aalen ihre emotionalen Spuren bei mir hinterlassen, in den ersten fällen mehr, im Falle Aalen weniger, das dürfte keinem Fan anders gegangen sein. Soviel zu den letzten 14 Tagen.

Am Tag der US-Wahl geht es nun also nach Madrid. Hoffentlich bringen wir aus Madrid was Zählbares mit, aber ich möchte jetzt das andere Thema schreiben. Also über die US-Wahl.

Am Montag war ich mit Arbeitskollegen im Heidelberger Deutsch-Amerikanischen Institut bei einer Lesung von John Jeremiah Sullivan. Ein interessanter Autor, über den ich ähnlich denke wie BVB-Fan und Verleger Klaus Bittermann. Er begann aus Anlass von Sandy mit einem Text über Hurricane Katrina und gleich danach begann der Moderator eine längere Plauderei mit ihm. Wie selbstverständlich setzte der Moderator voraus, dass „wir alle“ verstört seien über die Vorgänge in den USA, also über die Möglichkeit, dass Obama die Wahlen verlieren könnte, über die „Vergessenheit“ der amerikanischen Wähler. Und da war es natürlich am Intellektuellen aus den USA, der uns in unserer Sorge um das „liberale Amerika“ bestätigen sollte.

Was dieser dann auch tat. Sullivan erklärte die Wahl gleich zur Schicksalswahl. Things could slip away if a guy like Romney gets elected. Romney habe keine Geschichte, keine politische Philosophie, lediglich Geldgier. Ein Finsterling.

Um kurz abzuschreifen: Sullivan sprach mir allerdings nur wenige Momente später aus der Seele. Denn er lebt in Wilmington/North Carolina, nicht allzu weit vom Wohnort meines Vaters entfernt. Und er kam auf das Votum zu „gay marriage“ im Mai zu sprechen. Wie da die Leute aus den Häusern strömten, um abzustimmen – dagegen. Das muß den Menschen wichtiger als so vieles andere gewesen sein. Homosexuellen ihr gutes Recht auf ein spießiges Leben zu verweigern. „Man, this is where I live.“ Das dachte ich damals auch.

Von Paul Auster bis zu Benjamin Kunkel dürften die meisten Schriftsteller sich ähnlich äußeren. Intellektuelle in der GOP sind vermutlich noch seltener als im Umfeld der CDU/CSU. Denn hätte ein Literat von der anderen Seite des Spektrums die Wahl vermutlich nicht besser erörtert. Wenn Obama wiedergewählt werde, bedeute dies the end of America as we know it. Beschleunigung des Zerfalls, Verlängerung der Krise, decline, Verlust unserer Werte . Jede Wahl ist immer eine Wahl, bei der es um alles geht. Erinnert sich noch einer an Wim Wenders, wie der 2004 bei Sabine Christiansen erklärte, Amerika werde vier weitere Jahre Bush nicht überleben? Und er, er werde ganz sicher die USA verlassen, sofort. Bush wurde wiedergewählt, Thomas Gottschalks Kinder weigerten sich, in die Schule zu gehen, Deutschland zeigte sich betroffen, ich trank eine Flasche Sekt. Und Wenders blieb in Amerika.

Ich will, dass Barack Obama die Wahlen verliert. Weil er der Finsterling ist, den viele in Romney sehen. Weil er die Souveränität der USA nicht nach außen vertritt, sondern für die Europäisierung der USA und für global governance steht, sich als Vorläufer einer kommenden Weltenregierung begreift. Die Sehnsucht nach ihm, die sich 2008 überall breit machte und von der heute Gott sei Dank nicht viel übriggeblieben ist – sie ist der „Wahn vom Weltsouverän“ (Gerhard Scheit). Aber ich sehe der Entscheidung, die eine knappe sein wird, gelassen entgegen. Was hat Amerika schon alles an Präsidenten überlebt? Und welche Bedeutung eine Wahl wirklich hat, weiß man immer erst im nachhinein. Wie wichtig die Präsidentschaftswahl 2000 sein würde, konnte man erst am 11. September 2001 wissen. Wir wissen wenig bis nichts davon, was in den nächsten vier Jahren droht. Nein, es geht sehr wahrscheinlich  nicht um alles oder nichts. Es geht um den einen oder den anderen und die nächsten vier Jahre gehen unter jeder Regierung vorbei.

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