Nenn mich gern weiter Burschi – eine Rezension

18 Nov

„Also, seid ihr ein faschistischer, sexistischer Verein und plant die Wiedereinführung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation?“

„So ein Quatsch. Wir sind ’ne Sängerschaft, wir haben nix Politisches am Hut. Wir nehmen halt keine Frauen auf..na und?“

„Verbindung – auch so ein Thema“ fiel mir vor kurzem ein Bekannter lachend ins Wort, als ich einem Satz über die allgemeine Partylaune in Norddeutschland eine Studentenverbindung erwähnte. Die Unterhaltung fand am Rande eines politischen Stammtisches statt. Und seit dem Sommer letzten Jahres sorgt die Deutsche Burschenschaft (DB) wieder punktuell dafür, daß Verbindung im negativen Kontext in der Tat wieder Thema ist und bleibt.

Bücher zur Bewertung der studentischen Korporationen stauben so einige in den Regalen. Die meisten Autoren seien „knackig links“, wie mir mal ein (echter) Burschenschafter sagte. Ich kann das nicht beurteilen, da ich sie nicht gelesen habe, wohl aber, dass besagter Burschenschafter knackig rechts war und ist. Vor wenigen Monaten erschien mit „Männer-WG mit Trinkzwang“  von Karsten Hohage nun die Erzählung eines Aktivenlebens. Das Büchlein trägt den Untertitel „Wie ich in einer Verbindung landete und warum das gar nicht so schlimm war“ und erhebt naturgemäß den Anspruch, auf unterhaltsame Weise mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

Das gelingt Hohage, der nicht nur witzig sein will. Er ist es zum größten Teil auch. Das Studentenleben spielt sich bei einer Sängerschaft mit Kunstnamen in einer badischen Universitätsstadt ab – vermutlich Freiburg im Breisgau. Aktiv wird er zum Wintersemester 1989/90 unmittelbar vorm Mauerfall, wo ihm ein couleurälterer Volkswirt gleich das erste Klischee raubt, da der das Thema „Wiedervereinigung“ kritisch betrachtet. „Nina“ heißt seine Freundin, die im Jahr drauf das Studium in der gleichen Stadt aufnimmt. Und in trotzdem nicht zu Gesichte bekommt, da er ja neben seinem Geologiestudium durch seine Sängerschaft ganz ungemein eingespannt ist und auch in der entspannten Zeit im Keller Hefeweizen saufen muß. Wo es die Freundin gräßlich findet.

Das ganze endet mit seiner Wahl zum Fuxmajor zum Sommersemester 1991. Kurz nachdem er sich mit seinen Conaktiven bei einer österreichischen Sängerschaft einige völkische Appelle an die deutsche Kulturnation angehört und den Ösi-Senior dazu angestachelt hatte, „Ich schieß den Hirsch“ zu singen. Was die freilich um eine Nazi-Strophe ergänzten. Dabei wollten die Sänger aus dem Badischen doch nur Skifahren.

Ich fand das erste Drittel des Buches ungemein erheiternd. Was auf jeder findet sich eine Begebenheit, sei’s ne Anekdote, sei’s einfach nur ein Spruch, der einen an die eigene Aktivenzeit erinnert. Überhaupt rauschte bei der Leküre mir alles wieder durch den Kopf, auf einmal hatte ich die Convente, die ganzen Fahrten, sämtliche Abende „auf dem Haus“ wieder vor Augen. Im Mittelteil wird es dann doch ein wenig langweilig. Er lernt an der Uni den vermeintlich linken Matze kennen (für Leser der Jungle World: sowas wie der „letzte linke Student“, aber wir haben 1989/90, you know). Die verstehen sich gerade aufgrund ihrer Gegensätze gut, aber das Ganze wirkt einig gekünstelt. Das Zusammentreffen mit Matze nutzt Hohage, um Matze respektive eben dem Leser das Verbindungs-ABC zu erklären. Das zieht sich ein wenig, aber alles i allem schafft Hohage es sehr gut, den Leser bei der Stange zu halten.

In Verbindungskreisen dürfte das an ein paar Stellen schlampig redigierte Buch bereits ein Renner sein. Nur für die ist es eben nicht geschrieben. Ich bin mir zwar sicher, daß das Buch auch den Laien sehr unterhält. Ob Hohage wirklich „Schubladen öffnet“, kann ich leider nicht sagen. Zu wünschen wäre es ihm.

Wobei man ja immer vorsichtig sein muß. Vor vier Jahren bloggte ich mal was zum Coburger Pfingstkongreß. Ein Jahr später diskutierten dann einige in einem mittlerweile eingestellten Mützenforum, ob man sowas schreiben dürfe. Man denke doch bitte an „Öffentlichkeitswirkung“. Ja, vor der machen sich Korporierte gerne in die Hosen. Die bösen (d.h. linken) Medien stellen einen immer falsch dar (was wirklich nur zum Teil stimmt), deshalb spricht man am besten gar nicht erst mit Journalisten, und man hüte sich prinzipiell, irgendwas nach außen zu tragen.

Hohage schreibt rücksichtslos und erfrischend-fröhlich, was war. Dafür, um im Korporiertensprech den Beitrag endlich abzuschließen: Lob, Dank und Anerkennung!

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