Vielen Dank für Frau Berg

29 Dez

Sibylle Berg beruhigt mich. Schon seit mindestens sechs Jahren. Lange Zeit war ich immer hocherfreut, wenn mal wieder eine Rundmail von ihr gekommen war, in der sie ihren Leserkreis wahlweise als „kleine Nagetiere“ oder „Wackelenten“ anredete und schließlich Neuigkeiten berichtete. In den letzten drei Jahren schleudert sie nun häufiger über twitter hin und wider einen Spruch hinaus, der meine Timeline verschönert und mich oft für einige Zeit entspannen läßt.

Ihre Bücher verfügten bisher noch immer über ähnliche, gleichzeitig stärkere Wirkung. Dank ihr konnte ich immer alles nehmen, wie es kam. Als ich beispielsweise 2009 eine Woche vor dem Berlin-Marathon mir nach elf Wochen hartem Training den Ellbogen brach, hielt sich meine Frustration in Grenzen. Ich wußte: Das IST das Leben, ich ziehe meistens die Arschkarte, aber ich bin einer von vielen. Wenigstens habe ich jetzt eine Schiene am Arm, unter der es kratzt und weh tut, einen Arzt, der die Hand aufhält und sich für die Heilung einen Scheiß interessiert, und ein Sanitätshaus, dem mein Rezept abhanden gekommen war. Ich saß mit Schmerzen herum, quälte mich täglich 100km zur arbeit und freute mich meines Alltags.

Ende gut war immer mein Favorit. Gut, nicht alles war gut. Sex 2 fand ich dann doch irgendwann vor den vielen Übertreibungen irgendwie etwas albern, die Lektüre von Die Fahrt mußte ich irgendwann abbrechen. Doch umso mehr gelungen war Der Mann schläft. So zärtlich, so einfühlsam. Das war es. Ein schlafender, schnarchender Mann. Der generell nicht viel war, aber eben darin so liebenswert.

Das Liebenswerte am Absurden herauszustellen, versteht nach meinen Leseerfahrungen unter den lebenden deutschsprachigen Schriftstellern niemand so sehr wie Sibylle Berg. Ihr jüngstes Buch Vielen Dank für das Leben knüpft genau da an und stellt ihren bisherigen erzählerischen Höhepunkt dar. Der Roman handelt vom intersexuellen Toto, 1966 in der DDR geboren, in einem Waisenhaus aufwächst und durch das Prinzip Zufall von einer Station zur anderen trottet. Auf groteske Weise gelangt Toto in den Westen, unternimmt später eine Reise nach Thailand, findet schließlich den bösen Kasimir aus dem Waisenhaus wieder, der von Toto abhängig ist und Toto endlich endlich loswerden will. Toto ist ein „Klumpen“, aufgestautes willenloses Menschenmaterial, ein geschlechtsloser Riese, dessen Weg Sibylle Berg mit bisher auch von ihr, und das will wirklich was heißen, nicht gekannter Brutalität bis in die Zukunft nachzeichnet. Im letzten Drittel des Buches häufen sich dann die Beschreibungen des futuristisch absurden Durchschnitts menschlichen Lebens, daß der Leser sich häufiger fragt, ob der Erzähler das nicht ein paar Seiten vorher schon alles gesagt hat. Und doch zieht er den Leser weiter hinein in diesen Abgrund, in dem er umso besser versteht, daß uns außer der Liebe, der Liebe auch zu Menschen, die selbst der Liebe nicht fähig sind, nichts mehr bleibt.

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