Schlägt der Trend die Tradition? Anmerkungen zum Kraichgauer Projekt

21 Mai

„Noch ist Hoffenheim nicht abgestiegen, auch wenn der Traditionslinke und der Burschenschafter es sich wünschen“, bekam ich vor einer Woche lesen. Nach der Niederlage des Projekts gegen den HSV hatte ich das auf facebook umhergehende Bild mit dem Transparent „Tradition schlägt jeden Trend“ gepostet. Für den Kommentator waren die Freund-Feind-Verhältnisse schnell geklärt: Das antikapitalistische Ressentiment gegen den „Geldverein“ und das rückwärtsgewandte Eintreten für „Tradition“ auf der einen Seite, das Geschäftsmodell, das Nazi-Hools und männerbündlerischen Ultras den Haß in die Augen treibt, auf der anderen. So einfach kann die Welt sein.

Und tatsächlich sollten sich die Abschiedsgesänge, die nahezu die gesamte Liga angestimmt hatte, als verfrüht erweisen. Hatte ich noch am Freitag via twitter dazu aufgefordert, sich damit bis nach dem Spiel zurückzuhalten, kam es am 34. Spieltag wie fast zu erwarten war. Während ich in der Luft war und von den Geschehnissen nichts mitbekam, unterlag mein BVB dank zweier geschenkter Elfmeter und mehrer vergebener Chancen der Elf aus Sinsheim. „Hasta la vista, Hopp“ war auf der Südtribüne inklusive Fadenkreuz zu sehen. „Ätsch“ hieß die Antwort. Nun liegt es am „Traditionsverein“ FC Kaiserslautern, den Wunsch von nahezu 100 Prozent der Fans zu erfüllen und das Geschäftsmodell Hoffenheim in die 2. Liga zu verbannen.

Aber ist der Haß auf Dietmar Hopp, die Abneigung gegen die TSG Hoffenheim, die uns mit den ungeliebten Nachbarn aus Gelsenkirchen und dem Rest der Liga vereint, nicht doch furchtbar ressentimentgeladen? Und dieses Geeifer gegen Kommerz altertümlich und albern? Letzteres hat mit der Debatte nichts zu tun: Wie Marc Quambusch vor zwei Jahren in seiner unbedingt lesenwerten Bewertung des Projetks richtig feststellte, ist die TSG weit weniger kommerziell als andere Vereine, da sie nichts zu vermarkten hat. Was hat es aber mit dem Haß auf Hoffenheim auf sich?

Zum Antikapitalismus

Fußball ist eine regressive Angelegenheit. Wer sich ihr verschreibt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück und regrediert gezwungenermaßen immer wieder mal aufs Neue -auch wenn freilich niemand gezwungen ist, über den Fußball seinen Verstand zu verlieren. Ausgesprochen naiv verhält sich, wer den Fußball politisch auflädt und seinem Verein Liberalität und kosmopolitische Offenheit attestiert, während er „Schollenbewußtsein“ der gegnerischen Fanszene gegenüberstellt.

Fußball ist ein Volkssport und erfreut sich als Leitsport in Deutschland seit der WM 2006 einer Beliebtheit wie nie zuvor. Selbstverständlich spielen antikapitalistische Ressentiments dabei eine große Rolle. Am häufigsten sind sie in der Gestalt von Unmut gegen die vermeintliche „Geldgier“ von Spielern anzutreffen; die zu einem großen Teil abscheulichen Kommentare auf der Facebook-Seite von Mario Götze nach Bekanntgabe von dessen Transfer sind das jüngste Beispiel. Auch der Haß auf den (Traditionsverein) FC Bayern und „das große Geld“ hinter seinen Erfolgen zeugen davon. Und so ist auch der Milliardär Dietmar Hopp, der unaufhörlich in die TSG buttert, Objekt antikapitalistischer Ressentiments. Diese sind für die ligaweite Ablehung des Projekts Hoffenheim jedoch keineswegs ausschlaggebend.

Zu Dietmar Hopp

Ich erinnere mich an niemanden, der im Fußball je so ein Feindbild wie Hopp abgegeben hätte. Und ich mag ihn auch nicht. Hopps Hauptproblem ist aus meiner Sicht, daß er keine Kritik verträgt, da er sie nicht gewöhnt ist. Seit der SAP-Gründung 1972 wurde diesem Mann unentwegt auf die Schulter geklopft. Deshalb hält er sich heute für die Krone der Schöpfung, glaubt, sich gegenüber Dienstleistern alles erlauben zu können und behandelt seine direkten Mitarbeiter wie den letzten Dreck (so berichteten beispielsweise etwa Augenzeugen, wie er bei einem Testspiel gegen Waldhof Mannheim nach dem Verzehr einer Bratwurst einem Begleiter seine schmutzige Serviette in die Hand drückte und ihn damit zum Abfalleimer schickte).

Das erklärt aber nicht, warum er bei jedem Spiel seiner TSG von gegnerischen Fans als „Sohn einer Hure“ beschimpft und in Fadenkreuzen abgebildet wird. Der wesentliche Grund dafür ist allein die TSG Hoffenheim, die ohne Hopp nicht in der Bundesliga wäre und aus Sicht der Fans „Traditionsvereinen“ wie dem FC Kaiserslautern oder Fortuna Düsseldorf im Weg steht.

Zu Tradition vs. Trend

Meine Weisheit ist eine Binse: Fußball-Fans fallen nicht vom Himmel. Die meisten Fans gingen schon mit Papa (und eventuell auch Mama) ins Stadion oder wurden in Kindheitsjahren von Freunden entsprechend beeinflusst. Warum zieht Borussia Mönchengladbach Tausende von Fans ins Ausland, wenn sie erstmals nach Jahren wieder europäisch spielen? Warum freuen sich soviele 50-60-Jährige in der Kneipe heute noch über jedes Gladbacher Tor? Weil der Verein Generationen bewegt hat. Warum spielen die Blauen, die vor mehr als einem halben Jahrhundert ihre letzte Meisterschaft feierten, immer vor ausverkaufter Hütte und haben heute noch mehr Fans und Fanclubs als der letztjährige Double-Sieger? Weil sie vor langer langer Zeit einmal der Verein im Ruhrgebiet waren. Und warum kommen, wie im Juni 2011 vorm Aufstieg, 18.000 Menschen zu einem Fünftligaspiel (!!) des SV Waldhof Mannheim? Weil der Verein trotz geringer Aufenthaltsdauer in der Bundesliga Geschichte geschrieben hat.  Hoffenheims ältester Fanclub wurde 2006 gegründet. Vorher war man hier und da. Die Anzahl der Fans hält sich bis heute in Grenzen. Wenn das Projekt sich in der 1. Liga halten und in der nächsten Saison Meister würde, würde dies in der Region Mannheim/Heidelberg kaum jemanden interessieren. Und doch hätte dieses Szenario Bedeutung.

Denn natürlich zieht der Erfolg an. Wie oft hört man: „Am Anfang fand ich Hoffenheim ja auch gut..“ Als das Projekt 2008 den Aufstieg geschafft hatte, von einem Sieg zum anderen spielte und Herbstmeister wurde, stieg die Anzahl der TSG-Sympathisanten rasant. Heute gibt es nichts mehr, mit dem sich sympathisieren ließe. Außer vielleicht bald mit dem Umstand, daß das Projekt trotz der vielen hämischen Abschiedsgesänge den Klassenerhalt schafft.

Zum Erfolg

Ich weiß nicht, ob die Fans in anderen Ländern auch so sehr über die Echtheit ihrer Gefühle, die Echtheit ihrer Liebe, die Echtheit ihres Fan-Seins streiten. Diese Diskussion wird in Deutschland niemals enden. Aber wer, der schon so viele Auswärtsfahrten seiner Mannschaft absolvierte, würde gegen Gelegenheitsbesucher, die ihm die Karten wegschnappen, nicht mal aggressiv? Doch so wie mancher auf Porsche, Apple oder Pocher steht, hat jeder das gute Recht, Hoffenheim „gut zu finden“, wenn die gerade mal wieder attraktiven Fußball spielen. Der nächsten Generation entschlüpfen dann vielleicht die ersten „echten“ Fans.

Zur Entwicklung der TSG

Die unter anderem von den altgedienten Waldhöfern Roland Dickgießer und Alfred Schön großgezogene TSG Hoffenheim ist heute eine aggressive Marketingmaschine, die sich mit Einschüchterungsversuchen gegenüber Journalisten auch jenseits der Fanszenen reichlich unbeliebt macht. Auch deshalb will mir nicht einleuchten, wie mancher in diesem Projekt Fortschritt, gar emanzipatorisches Potenzial erkennen kann. Hoffenheim hatte angekündigt, vornehmlich auf Spieler aus der Region zu setzen. Das Nachwuchskonzept war von Anfang an erstunken und erlogen. Sportlich ist die Entwicklung der letzten Jahre rein gar nicht nachzuvollziehen. Die Zusammenstellung des Kaders wurde hauptsächlich durch Rogon und dessen windigen Geschäftsführer Roger Wittmann geprägt. Sich einen Großteil einer Mannschaft von einem einzigen Berater zusammenstellen zu lassen, ist bar jeder Vernunft. Daß hier keine Änderung erfolgt ist, läßt mich auch daran zweifeln, ob Hopp, der beim Aufstieg seines Spielzeugs in einem exemplarischen Interview zeigte, wieviel Ahnung er von Fußball hat, wenigstens noch über den Geschäftssinn verfügt, der ihn ohne Zweifel einmal auszeichnete.

Doch wer weiß. Ich werde bei den Relegationsspielen mit Fußballdeutschland auf den Abstieg der TSG hoffen. So ganz daran glauben kann ich schon nicht mehr. Sollte ihr der Klassenerhalt gelingen, wird dies ohne Zweifel viele Beobachter beeindrucken. Und dies könnte sich als erster wichtiger Schritt in eine Zukunft erweisen, in der man die TSG Hoffenheim als honorigen „Traditionsverein“ feiern wird. Doch bis dahin werden mehrere Jahrzehnte vergehen. Und ich werde als Greis auch dann noch aufschluchzen, wenn es -Got bewahre! – wieder ins Sinsheimer Stadion an der Autobahn geht.

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