20 Jahre Solingen – das Opfer war wieder der Täter

29 Mai

Die Zeiten ändern sich und bleiben dabei doch stets die alten. Die Chronologie der Ereignisse vom Spätsommer und Herbst 1992, der damals häufig als zweiter „Deutscher Herbst“ bezeichnet wurde , bis zum Asylkompromiß und den wenige Tage später folgenden Morden im Mai 1993 ist in den letzten Tagen umfassend beschrieben worden. So sehr sich vieles verändert haben mag, so weit scheint dieses Damals gar nicht entfernt. Warum die Entscheidung von Mevlüde Genç, die heute vor 20 Jahren zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, zu bewundern ist, wurde mir unlängst vor Augen geführt.

Weil mir meine Skype-Telefonate mit meinem Vater und das Englisch nicht ausreichen, um in Übung zu bleiben, mache ich an der Abendakadamie – so nennt man in meiner Stadt die Volkshochschule einen Englischen Konversationskurs. Dort diskutieren wir zu Beginn immer erstmal die Nachrichten. Was oft auch schon den Abend ausfüllt. Im Zusammenhang mit dem Beginn des #NSU Prozesses meinte der Lehrer vor wenigen Wochen, dass die Medien auf rechte viel sensibler reagierten als auf linke. Das veranlasste eine Frau ganz aufgebracht folgende „Story“ zu erzählen:

Sie komme aus Solingen, wo es keine Rechten gebe, organisierte Linke selbstverständlich schon. Dort hätten vor vielen Jahren (ihr war nicht bewußt, daß der 20. Jahrestag des Mordes nahte, denn der sie gab 1989 als Tatzeitpunkt an) hätten Jugendliche das Haus der türkischen Familie Genç angezündet. Dabei seien die Kinder ums Leben gekommen. Gut okay, die seien zwar tot, so die Frau wörtlich (im Englischen). Aber die Familie lebe heute in einer Villa, daß einem die Augen rausfielen. Und alles, wirklich alles bekomme die Familie Genç heute umsonst. Und wer dies hinterfrage  oder der Familie verweigere, sei ein böser Deutscher, der sich nicht an den Zweiten Weltkrieg erinnere.

„Wow, that’s a thing“, so der Lehrer. Der Moderator (nicht der Kursleiter, sondern ein Teilnehmer, der die „News“-Runde moderierte) fragte nach, ob dies wirklich heiße, dass diese Familie auch einen Fernseher bekäme, wenn zum Media Markt gehe. Ja, das heiße es, wiederholte die Frau, und wer ihr den nicht gebe, erinnere sich nicht an den Zweiten Weltkrieg.

Ich war sprachlos. Noch am selben Abend schaute ich nach, ob man von dieser Sorte Tratsch noch mehr finde. Und in der Tat wirft beispielsweise ein Artikel von Andreas Wyputta zum 15. Jahrestag ein Licht auf den Umgang der Stadt Solingen mit dem Verbrechen:

In der Stadt wurde getratscht, sie habe sich unter Hinweis auf den Anschlag schon mal geweigert, ihre Einkäufe zu bezahlen. Und das neue Haus der Familie – bezahlt mit dem Geld der Versicherung und dem Kaufpreis für das Grundstück in der Unteren Wernerstraße – sei ja mehr als luxuriös, sogar einen Swimmungpool gebe es, erzählen Solinger noch heute. Tatsächlich gibt es dort statt Pool Brandschutzfenster.

Nach 20 Jahren heißt es also nun, die Familie bekomme alles geschenkt. Freilich ist das kein unbekanntes Phänomen. Die Opfer sind die Bösen. Und es beschreibt nicht die nur Solinger, sondern die deutsche Realität heute.

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