Kindheitsblogpost

21 Apr

Unmittelbar nach dem spektakulären Spiel gegen die Mainzer am Samstag machte ich mich nochmal auf in die Stadt, um mir endlich den neuen Bildungsroman von Gerhard Henschel zu holen. Der Roman ist die jüngste Folge der Martin-Schlosser-Familienchronik, die ich ungelogen für das größte literarische Ereignis in der Deutschen Literatur der letzten zehn Jahre halte. Martin Schlosser ist eine literarische Figur, von der sich guten Gewissens behaupten lässt, dass sie Henschel widerspiegelt. Henschel kenne ich ja nun schon lange als konkret- und Titanic-Autor. Und so kam es 2005, dass ich, kurz nach dem ich meine Diplomarbeit abgegeben hatte, Die Liebenden las, ein Briefroman, der aus dem Nachlass von Henschels Eltern zusammengestellt ist. Der erste Brief ist von Ingeborg (1929-1989), Martin Schlossers Mutter, stammt meiner Erinnerung nach, ich gucke jetzt nicht nach, aus dem Jahr 1941, der letzte wurde nach dem Tod von Martins Vater Richard 1993 geschrieben. Die Briefe erzählen die Geschichte der Familie(n) von Richard und Ingeborg Schlosser nach und sind gleichzeitig ein herrliches zeitgeschichtliches Dokument der Historie der alten Bundesrepublik.

Der Kindheitsroman schließlich nahm mich ganz für sich ein. Das Buch beschreibt das Aufwachsen des kleinen Martin Schlosser (Jahrgang 1962) aus dessen Perspektive. Ich bin 16 Jahre jünger als Martin Schlosser. Mein Kindheitsroman müßte in der Zeit spielen, von der der nun erschienene Bildungsroman (Anfang der achtziger Jahre)  handelt. Und doch kamen mir unweigerlich Erinnerungen aus meiner Kindheit – und das in einer Intensität, die die Lektüre des Buches, die eigentlich ein einziger Genuß ist, schon wieder erschwert. Nicht anders verhielt es sich mit den weiteren Episoden Jugendroman, Liebesroman und Abenteuerroman. Jeder, der zumindest mal noch vor der Ära Kohl geboren wurde, wird sich an Dinge erinnern, an die er seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hat, wird von Bildern ergriffen, die er ohne Martin Schlosser niemals mehr gesehen oder geträumt hätte. Die Schlosser-Romane sind eine urkomische und zugleich tieftraurige Geschichte. Wer als Leser hier einmal angefangen hat, hört nicht mehr auf, legt das Buch nicht mehr weg. Sondern bleibt gefangen in der Geschichte der alten Bundesrepublik, der Kindheit und Jugend von  Martin Schlosser – und damit letztlich immer auch in der jeweils eigenen. Ich brenne nun auf den Bildungsroman.

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