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Angst ist der falsche Ratgeber – Rezension von „Endlich mal was Positives“ (Band 1 und 2)

16 Aug

Plötzlich ändert sich alles. Einen Abend ahnungslos ausgegangen, stürmisch und leidenschaftlich rangegangen, einen kleinen Moment unachtsam gewesen – und schon kam das böse Erwachen. Was habe ich getan? Weil Sex gerade durch Hingabe und Lust geprägt ist, schalten wir in solchen Momenten gerne den Verstand aus. Und durchstehen dann wochenlang Ängste, machen uns Vorwürfe und fühlen uns von jetzt auf gleich vom ganzen Leben abgeschnitten.

So geht es immer wieder vielen. Zwischen einem möglichen Risikokontakt und dem Ergebnis eines HIV-Tests liegt eine emotionale Achterbahnfahrt.

Unzählige „Gib AIDS keine Chance“-Spots und-Plakate haben uns Respekt vor HIV eingejagt. Das ist einerseits gut. Weil wir wissen, dass wir uns schützen müssen. Andererseits wurden so über die Jahre Vorurteile noch verstärkt: Obwohl HIV heute medizinisch mit Diabetes und Hypertonie vergleichbar ist, assoziieren wir HIV mit AIDS und AIDS mit dem Tod. Umso erfrischender, wenn ein Betroffener mit dem Thema „offensiv & optimistisch“ mit dem Thema umgeht und aufklärt – so wie Matthias Gerschwitz mit dem Buch Endlich mal was Positives, von dem in diesem Jahr der zweite Band erschien.

Matthias Gerschwitz erhielt Anfang 1994 seine Diagnose als HIV-positiv. Zu einer Zeit also, als das tatsächlich noch ein Todesurteil bedeutete. Mit finsterer Miene teilte ihm sein Arzt den Befund mit und riet ihm, die Zeit zu genießen, die ihm noch bleibe. Gerschwitz mußte den Arzt trösten. Er blieb lebensfroh und zuversichtlich. Zwei Jahre später gelang in der in der HIV-Therapie der Durchbruch mit Einführung der antiretroviralen Kombinationstherapie, die seitdem beständig optimiert wurde. HIV-positive Menschen haben heute fast die gleiche Lebenserwartung wie HIV-negative mit annäherungsweise dergleichen Lebensqualität.

Doch eins ist sicher: Wer sich mit dem Virus nicht ansteckt, ist weiterhin klar im Vorteil. Wenn Gerschwitz im ersten Band seine eigene Geschichte erzählt, wendet er sich dabei gleichzeitig an jene, die meinen, vor HIV sicher zu sein. Der Virus unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, hetero-, homo- oder bisexuell. Es kann jeden treffen. Mit viel Humor und in lockerem Ton berichtet er von der Therapie, den Reaktionen aus seinem Umfeld und seiner ungebrochenen Lebenslust.

Wer sich vor allem über den aktuellen medizinischen Forschungsstand und der gesellschaftlichen Debatte informieren möchte, dem bietet der deutlich dicker geratene zweite Band eine Menge: In zwanzig Kapiteln fasst Gerschwitz die abenteuerlichsten Geschichten zusammen, von den Verschwörungstheoretikern und „AIDS-Leugnern“ über die schräge Behandlung des Themas in diversen Fernsehkrimis hin zur Debatte um Nadja Benaissa. Immer wieder lässt er einen den Kopf schütteln, wenn er Ausflüge in die diverse HIV-Foren im Netz unternimmt und die Fragen einiger User zu den Übertragungswegen widergibt. Es sind keineswegs nur vermeintliche Dummheit und weit verbreitetes Unwissen, die einen den Kopf schütteln lassen. Die „HIV-Phobie“ ist nicht notwendig Folge von Panik und Nichtwissen, sondern drückt oftmals ein schlechtes Gewissen aus – und ist daher auch gar nicht so selten.

Mit beiden Büchern (das zweite ist ein wenig schlampig lektoriert“) hat Gerschwitz einen fulminanten Beitrag für ein größtmögliches Zielpublikum geleistet, um Vorurteile gegen Menschen mit HIV abzubauen, die Angst davor zu reduzieren ohne den Respekt zu verlieren und den eigenen Umgang damit zu überprüfen.