Tag Archives: Dortmund

Der verschwundene BVB-Fan

22 Apr

Es ist ein altbekanntes Phänomen: ein Mann sagt, er gehe mal eben Zigaretten holen – und ward niemals wieder gesehen. In den neunziger Jahren gab es eine Fernsehserie, die sich um solche Fälle drehte: „Bitte melde Dich!“ – ausgestrahlt entweder auf RTL oder Sat 1. ich glaube, Moderator war sogar Jörg Wontorra. Und irgendwann kam mal eine Folge, in der es um einen Jungen ging, ich glaube, er kam aus Dortmund, zumindest aus der Umgebung der Stadt, und wie fast jeder Junge aus Dortmund war er Fan unserer Borussia. Kann sich jemand von euch zufällig daran erinnern? Für ihn bestand das Leben so gut wie ausschließlich aus BVB. Und irgendwann war er eben weg. Irgendeiner vom Verein wurde interviewt, ich weiß nicht mehr wer. Der appellierte natürlich auch an den Jungen, sich zu melden, und meinte: „Er ist immer für uns da, dann sind wir auch immer für ihn da.“ Aus irgendeinem Grund musste ich in all den Jahren immer wieder daran denken. Ich konnte mich damals stark mit ihm identifizieren und gleichzeitig auch wieder nicht. Ich bin ja auch nicht verschwunden. Mich würde aber interessieren, ob dieser Fall je aufgeklärt wurde.

Kurt Landauer, Franz Jacobi und die Bedeutung von Faninitiativen

25 Aug

In der Geschichte des FC Bayern München gibt es drei Hauptakteure: Wilhelm Neudecker, Uli Hoeneß und Kurt Landauer. Der dritte war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Als 2001 eine englische Journalistin kurz nach einer 0:3-Niederlage des FCB bei Olympique Lyon telefonisch um Auskunft über Landauer bittet, wird ihr aus der Säbener Straße erklärt, dass man sich für den „alten Scheiß“ nicht interessiere. Landauer war dem Verein nicht allzu lange nach Vereinsgründung beigetreten und führt den aufstrebenden Verein als Präsident 1913-1914, 1919-21 und 1922-1933. Unter dem jüdischen Präsidenten Landauer und dem ungarisch-jüdischen Trainer Richard Dombi gewinnt der FC Bayern 1932 (ein halbes Jahr vor der Machtergreifung!) seinen ersten Meisterschaftstitel. 1933 muß Landauer zurücktreten, nach der Reichspogromnacht kommt er ins KZ Dachau. Landauer überlebt schließlich im Schweizer Exil, kehrt 1947 nach München zurück und führt den FC Bayern nochmals von 1947 bis 1951. Er stirbt 1961 in München.

Derzeit dreht der Bayerische Rundfunk einen Film über das Leben von Kurt Landauer. Bereits 2010 fertigte der Kreisjugendring mit „Kick it like Kurt“ eine knapp einstündige Dokumentation über den Bayern-Präsidenten. Ende der 2000er Jahre mehrten sich die Initiativen, die sich darum bemühten, an Landauers Leben zu erinnern und seine Verdiente zu würdigen. Seit ich das Buch „Der FC Bayern und seine Juden“ von Dietrich Schulze-Marmeling gelesen habe, bin ich auch von der Historie des FC Bayern schwer beeindruckt. Das Buch (dringende Leseempfehlung für alle, die sich auch nur ein bißchen für Fußball interessieren) stellt die Geschichte in den Kontext der allgemeinen Fußballgeschichte in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und welchen Anteil Juden an der Fußballentwicklung hatten, wie weit man vor der NS-Zeit bereits mit der Etablierung des Profifußballs und der Einführung einer landesweiten Liga war, wie sehr man wieder in den Amateurfußball zurückgerissen wurde. Interessant ist vor allem auch das letzte Kapitel des Buches, das den langen Marsch des Vereins zurück zu seiner Geschichte beschreibt. Nicht unwesentlichen Anteil hatten die Bayern-Fans, allen voran die Schickeria München, die 2009 zum 125. Geburtstag Landauers ihm eine riesige Choero widmete.

Schulze-Marmeling ist auch Autor des Buches Der Ruhm, der Traum und die Leidenschaft, der Geschichte unseres Ballspielvereins. Seit ich den Wälzer gelesen habe, dachte ich immer, die Geschichte von Borussia Dortmund ausreichend gut zu kennen. Ich wußte, wer Franz Jacobi war und welche Rolle er am 19.12.1909 gespielt hatte. Aber ich denke doch verstärkt an Kurt Landauer seit einige Borussen die Initiative ergriffen haben, Leben und Werk von Jacobi mit einem Film zu würdigen. Nun ist die Wiederannäherung an Jacobi ein vollkommen anderes Thema im Vergleich zur Erinnerung an Landauer. Die Gründe, warum Landauer und bei weitem nicht nur er aus der Geschichte der Bayern und des Fußballs in Deutschland lange ausgeklammert wurden, haben rein gar nichts mit Borussia Dortmund, dem Borsigplatz und Franz Jacobi zu tun. Hier kann und will ich gar nichts vermischen. Das ändert nichts daran, dass auch bei uns lange Zeit Ignoranz gegenüber dem Mitgründer des Vereins und langjährigen Präsidenten herrschte. Kommt uns doch nicht mit den ollen Kamellen! Dabei sollte es selbstverständlich sein, sich mit der Geschichte des eigenen Vereins auseinanderzusetzen. Und seit für diesen Film gesammelt und seine Entwicklung vorbereitet wird, hört man, dass es doch noch so  einiges über die BVB-Historie zu erfahren gibt und viele Dinge auch bei der Vereinsgründung anders gewesen sein könnten als man bisher dachte.

Ich unterstelle mal frech, dass einer Mehrheit der Fans auch August Lenz und Adi Preißler vollkommen schnuppe sind. Jetzt könnte man mir entgegnen, dass am vergangenen Sonntag beim ersten Heimspiel über 8000 Euro für den Franz-Jacobi-Film gespendet wurden, was ja heißt, dass sich die Fans scheinbar doch für Franz Jacobi interessieren. Ja, eben drum. Weil hier etwas entsteht, von Fans für Fans. Und das weckt eben das Interesse. Fans stellen dann auf einmal fest, dass viel mehr wissen könnten. Ich denke in letzter Zeit in diesem Zusammenhang immer wieder an meine Großmutter, die, 1910 geboren, in der Dortmunder Innenstadt in der Gastronomie, dem damaligen „Stade“ aufwuchs, ihre kaufmännische Lehre in einem angesehenen Geschäft absolvierte und später bei der Stadt arbeitete. Die kannte in Dortmund so ziemlich jeden – und hätte möglicherweise auch Jacobi gekannt. Sie interessierte sich nicht besonders für Fußball, aber über das Dortmund des frühen 20. Jahrhunderts wußte sie so ziemlich alles. Ich kann sie leider nicht mehr fragen, sie ist 1997 gestorben. Aber manche Zeitzeugen leben eben noch, Leute, die Jacobi kannten und die auch noch einen entsprechenden Zugang zur Gründungszeit hatten. Deshalb ist es auch so unglaublich wichtig, dass der Film heute entsteht. Und letztlich einmal mehr unter Beweis stellt, wie wichtig Faninitiativen sind.

Am Borsigplatz geboren

23 Jun

Ich habe heute meinen Beitrag für dieses spannende Filmprojekt geleistet. Macht mit!

In der Zwischenzeit

18 Okt

Ich saß in einem Kleinbus auf dem Rückweg aus Nürnberg  und es begann das Spiel in Frankfurt. Zur zweiten Halbzeit schaffte ich es gerade so nachhause. Wir kassierten spät noch den Ausgleich und frustriert ging ich ins Bett.

Ich saß vier Tage später im Westfalenstadion. Heute werde der Tag sein, an dem Reus ins Spiel käme und wir würden zu Null gewinnen, meinte ich zu Freunden. Reus spielte auf die Borussia aus Dortmund bezwang die Borussia vom Niederrhein 5:0. Döp döp döp.

Ich saß am Tag der Deutschen Einheit auf der  Couch und die Fans waren auf der ganzen Insel zu hören. Borussia spielte grandios auf. Wir kassierten gegen Manchester City spät den Ausgleich durch einen unsinnigen Elfmeter und frustriert ging ich ins Bett.

Ich saß vier Tage später im Flieger nach Las Palmas und Borussia spielte in Hannover. Wir kassierten spät den Ausgleich und frustriert ging ich in eine Strandbar, um el Clásico zu schauen. Mir begegneten dort Tim und Daniele. Tim arbeitet im Westfalenstadion.

Ich sitze am Schreibtisch und fiebere dem Derby entgegen. Vorher werde ich jedoch unsere Amateure besuchen, worauf ich mich besonders freue. After all – Blogging is back!

Immer wieder die Blauen

6 Sep

„Wir hassen die Blau-Weißen noch mehr als die Weiß-Roten.“

-Pommes Schwatz-gelb

„Es ist einfach ein großer Spaß, den anderen nicht mögen zu dürfen.“

Mats Hummels

Der schwarz-gelbe Blogger Kollege Stefan hat gestanden: Er kann den S04 nicht hassen. Schade. Obwohl..

Mir kommt zum Thema Revier-Rivaliät zuerst mein Stief-Uropa Max, also der Stiefvater meiner Großmutter, in den Sinn. Max war Schalker. Das war man damals im Ruhrgebiet, nicht selten auch in Dortmund. Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1934 holte er einen Großteil der Schalker Mannschaft am Dortmunder Hauptbahnhof ab, um sie zum Rathaus zu bringen, wo die Schalker sich als erste Deutsche Fußballmannschaft ins Grundbuch der Stadt Dortmund eintrugen. Max wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann allmählich die Rivalität zwischen unserer Borussia und den Blauen. Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 70er und 80er Jahren mit Massenschlägereien. Dieser traurige Höhepunkt war unter anderem bedingt durch unseren Abstieg 1972, wie Marc in seiner Blogantwort an Stefan bereits erklärte.

Zurück zu Stefan. Der schließt seinen Blogpost, indem er sich in die Blauen 2001 versetzt: Ich hätte damals nicht königsblau tragen wollen, diese Enttäuschung muss unfassbar gewesen sein. Ich meine, wer ist denn statt S04 Meister geworden – der FCB. Und das ist wirklich besser?

Ja. Eine Meisterschaft des FC Bayern München ging mir bisher immer komplett sonstwo vorbei. Aber die Vortellung, dass die Blauen versehentlich die Schale kriegen. Die ist so..aahh. Und da wäre ich mitten bei meinem „Empfinden“. Natürlich hätte ich 2001 nicht mit den Blauen tauschen wollen. Mir taten ja auch jüngst erst die Bauern nach ihrem famosen „Finale dahoam“ leid.  Ich neige gewiß weit weniger zur Häme als viele andere. Ich habe das „Träumend im Gras“ Lied auch immer widerlich gefunden. Diese Totschlagsphantasien, von der realen Gewalt will ich gar nicht erst reden. Aber Gelsenkirchen ist nun mal die häßlichste Ruhrgebietsstadt, der Verein ein Scheißverein und die meisten Fans – natürlich nicht alle – sind notorisch unsympathisch. Deshalb hasse ich die Blauen nicht. Aber sie nerven, frustrieren, ärgern mich. Bleibt die Frage, ob ich sie nicht vermissen würde. Das weiß ich nicht. Sicher gehört das Derby zur Saison. Aber wenn es entfiele, wären auch erstmal sämtliche Störfaktoren einer Saison aus dem Weg geschafft. Solang ich also nichts anderes erlebe und die Blauen um irgendwelche Titel spielen, gilt: Die brauche ich nicht.

12. Mai 2007 olèeee!

Die neue Nr. 11

8 Jul

Mit großer Spannung erwarten viele Fans die Rückkehr von Marco Reus, der jetzt seit genau einer Woche beim Ballspielverein unter Vertrag steht, auf den Platz. 

Ich gehöre zu ihnen.  Wenn im Mittelfeld mit Großkreutz-Reus-Götze gespielt wird, wird es an dieser Stelle aus drei Dortmundern geformt. Götze ist immerhin im Alter von 9 Jahren schon nach Dortmund gekommen; Großkreutz und Reus sind gebürtige Dortmunder. Marco wuchs im Stadtteil Körne auf, könnte mir als kleiner Junge daher öfter mal über den Weg gelaufen sein, denn in Körne hielt ich mich zu den Lebzeiten meiner Großmutter, die im östlich benachbarten Wambel wohnte, sehr oft auf. Reus ist ein grundsympathischer Typ, der den BVB wohl im Herzen trägt, und einen in der letzten Saison mit seinem Fußball verzauberte. Sein erstes Tor im Rückspiel von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Bayern München riß mich vom Stuhl. Die Wahl zum Spieler der Saison kam wenig überraschend. Und er befindet sich mit seinen 23 Jahren immernoch in einem frühen Stadium seiner Entwicklung.

Man sollte allerdings bei seinen Erwartungen schon realistisch bleiben. Es ist nicht so, daß Marco in Schwarz-Gelb einläuft und dann eine Bude nach der anderen macht beziehungsweise genau dort weitermacht, wo er in Gladbach aufgehört hat. Der muß sich auch erstmal im Klopp’schen Kader zurechtfinden. Das ist jetzt keine besondere Weisheit, aber ich finde, daß einige ein bißchen viel von ihm erwarten und umso mehr enttäuscht sein werden, wenn es an den ersten Spieltagen noch nicht so läuft. Im Fußball leben die Bewertungen leider von Momentaufnahmen.

Sicher bin allerdings auch ich mir, daß er letzten Endes groß rauskommen und uns einige Jahre Freude machen wird, auch wenn sein BVB nicht die letzte Station sein dürfte. Jedenfalls: Er hat die Dortmunder Fußball-DNA.

Gedankenübertragung

24 Jun

„Jedes Mal, wenn ich rund zwei Stunden vor Spielbeginn den Zug im ‚Doatmunda Hauptbahnhof‘ verlasse, komme ich wieder nach Hause. Ich nehme die Stufen, die ich unzählige Male hinabgestiegen bin und gehe auf Wegen in Richtung Innenstadt, die ich längst mit verbundenen Augen finde würde. Das ein oder andere im Stadtbild hat sich über die Jahre verändert, aber die Töne nicht…Ich war inzwischen an vielen Orten beim Fußball, aber nirgendwo habe ich auch nur annähernd erlebt, dass der Spieltag die Atmosphäre einer ganzen Stadt so bestimmt. Eine Spannung, ein Klang liegt über Dortmund, wenn Borussia spielt. Das Orchester stimmt sich ein.“

-Joachim Król (Publikum der Saison Borussia Dortmund, 11Freunde Juli 2012)