Tag Archives: EM 2012

Wie die Welt erfuhr, wes Geistes Kind ich bin

1 Jul

Und da mußte ich ein breites Grinsen im Gesicht gehabt haben, in dem Keller im Hotel im Rheingau. „Wenn du so weiter lachst, rede ich nicht mehr mit dir“, sagte der Kollege zur Halbzeit. Ich hatte mich nicht beherrschen können, ich alter Fußballantideutscher. Wie oft hatte ich doch betont, daß ich der Deutschen Nationalelf die Daumen drücke. Wie oft gesagt, daß sie schönen und undeutschen Fußball spiele und daher bewundert werden müsse. Doch es kam der 28. Juni 2012 – der Tag, an dem mir Balotelli meine Heuchelei vor Augen führte.

Özil – Deutsch wie Neuer

19 Jun

Mesut Özil ist Gelsenkirchener. So weit, so schlecht. Er ist ganz genauso, ja mindestens genauso Deutscher wie Manuel Neuer. Gelsenkirchen? Ist das nicht doch ein gänzlich anderer Kulturkreis? Sicherlich. Aber man kann über diesen grauenvollen Fleck im Ruhrgebiet zurecht alles mögliche Schlechte behaupten, aber man kann nicht behaupten, daß Gelsendings keine deutsche Stadt sei. Gelsenkirchen ist leider sehr deutsch, vermutlich die deutscheste Stadt an der Ruhr, aber da wollen wir mal nicht in die Tiefe gehen.

Der Deutsche Mesut Özil ist rassistisch beleidigt worden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Trotz reformiertem Staatsbürgerschaftsrecht herrscht hierzulande in den Köpfen immer noch die Idee der Volksgemeinschaft, die anti-republikanische Auffassung von „Nation“ eben. Du kannst einen deutschen Namen haben und fließend deutsch sprechen-das nützt dir nichts, wenn du anders aussiehst. Und wenn du auch noch dein Name auf  ein anderes Land hindeutet, hast du sowieso verloren. Ich habe ja einen deutschen Namen, sehe deutsch aus, spreche fließend deutsch und habe trotzdem keine deutsche Staatsbürgerschaft, bin also kein Deutscher, was aber eben keiner weiß. Mesut ist Deutscher und wenige wissen es. Man hat es ihm auch nicht gerade leichter gemacht, als man ihm den Integrations-Bambi verlieh.

Bei der letzten WM wurde nun folgende Geschichte erzählt: Der Partypatriotismus hat nichts mit rechtem Nationalismus zu tun, da aus der Sicht der Rechtsradikalen es sich bei der DFB-Elf um ein multikulturalistisches Konglomerat handle, das nicht repräsentativ fürs Volk sei. Die Fahnenschwenker jedoch würden sich über jedes Tor jedes Nationalspielers und richtige Fans  ebendieser Elf. Genau das stimmt leider nicht. Sich über die Tore von Özil und Poldi zu freuen und diese Spieler trotzdem nicht als Deutsche anzuerkennen, geht wunderbar zusammen. Habe ich selbst schon mehrfach miterlebt.  Mag sein, daß der Großteil der schwarzrotgold Bemalten nichts mit Rechtsradikalismus zu tun hat. Dann bleibt aber immernoch ein großer Teil, der lieber Andreas, Thomas und Peter auf dem Platz fürs Nationalteam stürmen sähe. Leute, die eben aussehen wie ich.

Whisky während EM

16 Jun

Whiskyprobe mit den Nichtunterschätzern bei Marduk gestern Abend. „Was habt denn ihr für Whiskys?“ ist gerade so eine Modefrage meiner Mannheimer Freunde. Und gestern wurde eben Whisky probiert. Jeder brachte welche mit. Außer mir. Ich saß einfach nur da und probierte. Mit dem Rücken zum England-Schweden-Spiel. Ja, meine gemeinen Freunde zwangen mich in die Position, mich umdrehen zu müssen, um ein wenig vom Spiel zu schauen. Von dem ich auch nicht allzu viel sah. Ich hatte auch gar nicht (mehr) vorgehabt, Whisky zu trinken, da letzte Woche nun noch sehr viel zu tun war, auch und gerade gestern noch. Und ich heute eigentlich nach Dortmund zu einem Treffen fahren wollte. Ich bin aber nicht nach Dortmund gefahren. Weil das Treffen zwar nicht ausfällt, aber jetzt nur in sehr eingeschränktem Rahmen stattfindet, und ich nach langen Hin- und Herüberlegungen zu dem Ergebnis kam, daß es nicht unbedingt so besonders sinnvoll wäre, dafür mit dem ICE hin- und herzugondeln. Deshalb bin ich heute nicht nach Dortmund gefahren, obwohl ich die letzten Wochen vorhatte, heute den ganzen Tag in Zügen und in Dortmund zu verbringen.

Und so trank nach ich nach getaner Arbeit Whisky. Und schaute ein wenig mit verdrehtem Kopf vom England-Schweden-Spiel. Meine Freunde wußten nicht mal, warum Rooney nicht mitspielt. Marduk wußte am allerwenigsten, warum Rooney nicht mitspielt. Und ich muß zugeben, daß ich zwar von seiner Sperre ganz gut wußte, aber auch nicht mehr, wie lange sie galt, und ob Rooney (beinahe hätte ich jetzt Romney geschrieben) im nächsten Spiel wieder würde mitspielen können. Ist Romney denn auch gesperrt?

Aber was wollte ich eigentlich erzählen? Es sollte freilich um die EM gehen, nicht um den Whisky. Ich vermisse wie die meisten Fußballfans, nein, wie alle Fußballfans in Deutschland, schmerzhaft die Bundesliga. Vor allem freilich die Spiele von Borussia. Daß die EM kein Ersatz dafür ist – wem sag ich das. Aber es ist doch irgendwie eine tolle Zeit alle zwei Jahre. Wenn man jeden Tag Fußball im Free TV schauen kann und in so einem Turnier mindestens drei bis fünf richtig tolle Spiele zu sehen bekommt. Und dann ist es doch wieder ne grauenhafte Zeit. Nein nicht wegen der Autokorsos, die sind zwar albern, aber genauso leicht zu verschmerzen wie das Feuerwerk nach jedem Tor eines Deutschen oder das ganze Gegröle, die Bemalungen und das Dummgelaber. Sondern ich finde soviel Fußball in fußballfreier Zeit einfach ein wenig schauerlich. Bin ich da der einzige? Jedenfalls fand ich es gar nicht so verkehrt, mal zwischendurch England-Schweden nur ein wenig mit verdrehtem Kopf zu schauen. Und Whisky zu probieren.