Tag Archives: Ideologiekritik

„Demokratie und Meinungsfreiheit nach pommerscher Gutsherrenart“

1 Nov

Im Folgenden dokumentiere ich Auszüge eines Artikels meines Freundes Daniel Leon Schikora bei der Achse des Guten über den Verfassungsschutzskandal in Mecklenburg-Vorpommern:

„Im Juni 2012 weigerte sich die Universität Rostock, der Hochschulgruppe Rostock der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) einen Raum für einen Vortrags- und Diskussionsabend mit dem Berliner Publizisten Justus Wertmüller zur Verfügung zu stellen. (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/uni_rostock_im_kampf_gegen_extremisten/) Die Verhinderung der vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AstA) der Universität unterstützten Veranstaltung in den Räumen der Universität erfolgte aufgrund einer „Empfehlung“ der Landesbehörde für Verfassungsschutz, die dem Referenten eine verfassungsfeindliche Haltung zur Last legt. Im Oktober nahm die Landesregierung in Beantwortung zweier Kleiner Anfragen von MdL Johann-Georg Jaeger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und MdL Peter Ritter (DIE LINKE) zu ihrer Beteiligung an der – bislang in der Bundesrepublik präzedenzlosen – Unterbindung einer DIG-Bildungsveranstaltung durch staatliche Behörden Stellung.

Das Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, das die beiden Kleinen Anfragen beantwortete, sucht die „Empfehlung“ an die Universität Rostock demokratisch zu „legitimieren“, indem sie die Behauptung einer extremistischen Aktivität des Referenten wiederholt: Justus Wertmüller sei, der Landesbehörde für Verfassungsschutz zufolge, als „namhafter Vertreter einer extremistischen Bestrebung, hier des ‘antideutschen Linksextremismus’, einzustufen“. Extremismus sollte „innerhalb staatlicher Einrichtungen grundsätzlich kein Forum zur Verbreitung seiner Ideologien erhalten“. Die DIG-Hochschulgruppe wies die Insinuation der Landesregierung, sich mit der Einladung an Justus Wertmüller an einer verfassungsfeindlichen Aktivität beteiligt zu haben, scharf zurück. Sie wies in diesem Kontext darauf hin, dass die Landesregierung nicht eine einzige verfassungsfeindliche Äußerung oder Handlung des beschuldigten Referenten anzuführen vermöchte.

(…)

Auf die Frage von MdL Jaeger, wie es sich „nach Auffassung der Landesregierung mit der Rechtsstaatskonformität der Aussage der Verwaltung der Universität [verhält], ihre Entscheidung beruhe auf der Befürchtung, es könne infolge verfassungsfeindlicher Äußerungen von Personen im Rahmen der Veranstaltung zu Störungen und Tumulten kommen“, antwortet die Landesregierung: Sie sehe keine Bedenken „im Hinblick auf die Rechtsstaatskonformität“ dieser Aussage der Universitätsverwaltung. Die Universität habe „im Rahmen des ihr zustehenden Hausrechts in der gebotenen Weise“ reagiert.

Auf diese Weise bekennt sich die Landesregierung zu einer „Rechtsauffassung“, nach der die Möglichkeit eines kriminellen Handelns von Feinden der Israel-Solidarität („Störungen“, „Tumulte“) als ausreichender Grund erscheint, Veranstaltungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu unterbinden. Ihre Erklärung ist nicht weniger als eine de facto Solierklärung für jene gewaltbereiten Parteigänger des Totalitarismus, die andernorts öffentliche Vorträge Justus Wertmüllers durch Krawall, einschließlich tätlicher Angriffe auf den Referenten, zu verhindern trachteten – und denen unter mecklenburg-vorpommerischen Bedingungen durch die „Empfehlung“ der Landesregierung gegen unsere Veranstaltung die Arbeit abgenommen wurde.

„Lob der Kulturindustrie“ – Ein Abend in Frankfurt

10 Jul

Mit dem Vortrag von Jan Gerber endete die Reihe „Kunst und Kritik“ der Prozionistischen Linken. Da sind wir auch schon mitten im Thema. Zu Beginn seines Vortrags zählte Jan Gerber einige linke beziehungsweise linksradikale Veranstaltungen auf, beginnend mit der Wiener Konferenz zu Autonomie und Engagement bei Sartre und Adorno Anfang Oktober letzten Jahres, die nun in Kunst machten. Man sei schon verblüfft, wenn einen der Freund, der einen gerade noch ins Punkrockkonzert schleppte, nun mit in die Oper schleifen wolle. Hatten die, die noch aus den Neunzigern stammten, noch Politikwissenschaft studiert, waren es spätestens nach dem 11. September dann Hebräischkenntnisse und der Israel-Aufenthalt, die die Identitätsbedürfnisse des guten Linken prägten. Heute mache man in Kunst. Kunst hatte mal den Anspruch, mit der Strahlkraft des Guten, Wahren, Schönen den Menschen zu ergreifen. Diesen Anspruch hat sie nicht mehr. Und kein Kunstwerk, das den histoischen Bruch von 1945 reflektierte. Wer zeitgenössische Ausstellungen besuche oder heute ins Theater gehe, müsse immer mit dem Schlimmsten rechnen. Dagegen habe die Kulturindustrie immernoch den Anspruch, den Menschen zu unterhalten, wenngleich sie diesem Anspruch nicht gerecht werde. Dennoch sei jede Folge von „Verbotene Liebe“, erst recht die Produkte der amerikansichen Kulturindustrie den Inszenierungen von Claus Peymann oder den Werken von Daniel Kehlmann und Günter Grass vorzuziehen.

Soviel zum Vortrag, der auf 20 Uhr angesetzt war. Zu diesem Zeitpunkt waren im Café Kurzschlusz auf dem Gelände der FH Frankfurt allerdings nicht mal die Stühle zurechtgerückt. Irgendwann nach 20.30 Uhr ging es dann mal los. Ein Herr mit heiserer Stimme schrie unablässig vor sich hin, um die jungen Menschen, die zuhören wollten, reinzubitten. Ab und zu bellte mal aus dem hinteren Eck laut ein Hund. Eine ältere Dame wollte sich in der Diskussionsrunde mit dem Gesagten nicht so ganz zufrieden geben. Sie hielt sich nach ihrem zweiten Beitrag aber selbst die Hand vor den Mund, obwohl sie so furchtbar viel gar nicht gesagt hatte. Ein junger Mann wollte wissen, ob dieses „Lob der Kulturindustrie“ sich wirklich darauf beschränke, daß diese wenigstens noch den Anspruch habe zu unterhalten. Ja.

Demnächstwird es in Frankfurt Aktionen gegen die Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler geben. Und ich überlege, ob ich nicht die Tage wieder nach Frankfurt fahre, um mir die Jeff Koons Ausstellung in der Schirn anzuschauen. Die (mäßige) Motivation dazu kann ich euch auch nicht erklären.

Lange Nächte eines einsamen Kritikers

7 Jun

Gestern nahm ich erfreut zur Kenntnis, daß bald schon eine neue Zeitschrift für Ideologiekritik erscheint – sozusagen als Konkurrenzprodukt zur Bahamas und u.a. als Ergebnis des Streits auf der Wiener Konferenz zu Sartre und Adorno, über die ich schrieb.

Warum mich das freut? Einfach deshalb, weil es damit weitere gute Texte zu lesen geben wird, auch wenn ich die Bahamas deshalb nicht missen möchte. 

Wo wir bei der Bahamas sind – ich habe hier bisher gar nicht von der Bahamas-Konferenz „Die Revolte der Enthemmten“ berichtet. Was soll ich aber auch groß erzählen? Die Abendveranstaltung am 25 Mai hatte ich arbeitsbedingt verpasst und Freitag wurde es dennoch viel später als gedacht. Ich hatte auf der Konferenz Mühe, die Augen offenzuhalten, was ganz gewiß nicht an den größteteils sehr guten Referaten lag. Nochmal sehr lange wurde dann die Nacht danach. Und für diejenigen, die nicht wissen, wovon ich rede und den Beitrag trotzdem immernoch lesen: Über Fußball wurde in der Nacht bzw. dann am Morgen freilich auch geredet.

Aber eben auch erst dann. Was mir mal wieder an mir selbst aufgefallen ist, ist die altbekannte Eigenschaft, mit kaum irgendjemandem zu reden. Eine Rolle, in der ich mir übrigens gar nicht gefalle. Aber ich mache das eigentlich immer schon so. Ich gehe auf Seminare, Konferenzen, sonstwohin und ziehe mich in mich zurück. „Der sächt sowieso nix“ meinte mal eine Arzthelferin in der Pfalz zu ihrer Kollegin, nachdem es mir als damals Zehnjährigem bei der Blutentnahme schlechtgeworden war, ich aber keinen Laut von mir gageben hatte. An jenem Wochenende war ich eben wirklich ein einsamer Kritiker.

Schon jetzt die Bahamas

11 Jan

Zu meiner freudigen Überraschung gibt es bereits eine neue Ausgabe der Bahamas. Die Zeitschrift scheint also doch nun wirklich wieder alle vier Monate zu erscheinen.

So sei der hiermit der Artikel von Thomas Maul aus dem neuen Heft als sehr lesenswert verlinkt und die Print-Ausgabe der Zeitschrift als Ganzes sehr empfohlen!

Ich kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen

12 Okt

Zwei Monate nach dem Spiel gegen Nürnberg will ich nächste Woche endlich mal wieder ins Stadion. Aber was da alles an dem Wochenende stattfindet. Das ganze Jahr haben die Leute Zeit Veranstaltungen dieser Art zu machen und dann muß das alles am 22./23. Oktober sein. Ich will euch nicht vorenthalten, was ich alles verpasse, denn ich kann nur jedem blogleser all das empfehlen.

Thomas Maul von den Bahamas spricht am 22.10. um 19 Uhr bei der Gruppe Monaco in München zum Thema „Gender Mainstreaming, islamisches Patriarchat und die antisexistische Linke“. 

Tilman Tarach, Alex Feuerherdt und Nirit Bialer referieren in Frankfurt a.M. zum Thema „Deutschland – Israel: Ein schwieriges Verhältnis“. ebenso am 22.10. Den beiden habe ich letztes Jahr schon in Frankfurt gelauscht. Geht dahin!

Diese Veranstaltung findet am Vorabend des zweiten Israelkongress statt. Auf dem ersten war ich letztes Jahr. Meldet euch an und geht hin!

In Gummersbach auf der Theodor-Heuss-Akademie findet an dem Wochenende das Seminar Liberale Blogosphäre statt. Auch eine ebensolche Veranstaltung habe ich letztes Jahr im mai mit sehr netten Leuten wie Achim Hecht, Daniel Fallenstein, Tim Beil und Daniel Drungels erlebt.

Was euch weniger interessieren wird: Mein ruderverein, bei dem ich mich seit Jahren nicht habe blicken lassen, macht Herbstputz (daran habe ich mich vor acht Jahren mal beteiligt) und mein Kurpfalz-Gymnasium Mannheim feiert an dem Wochenende im Mannheimer Rosengarten sein 50jähriges Bestehen. Daß ich dort nicht hingehe, tut mir allerdings sehr leid.

Was mache ich? Besuche das Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Aber nichts ist wichtiger als der BVB!

Was es alles an so einem langen Wochenende gibt

3 Okt

Da verbringst du dein langes Wochende in irgendeiner europäischen Hauptstadt und kurz vor Abreise stößt du in einer x-beliebigen Pension, in der du genächtigt hast, im Frühstücksraum zufällig auf einen aus deiner Studentenverbindung. Kann eigentlich gar nicht passieren. Passierte mir heute morgen in Wien.

Anstrengend war die Konferenz. Was konnte ich anderes erwarten? Als am Samstag in Dortmund Borussia mit 2:0 gegen den FC Ausgburg führte, stieß ich zum dritten Podium dazu und Till Gathmann begann seinen Vortrag über Hot Shit. Eigentlich hatte ich schon zum zweiten Podium da sein wollen. Daß ich die Vorträge von Magnus Klaue und Jan Gerber verpasste, tat in meiner unbedeutenden Seele weh. Denn ich verpasste sie aus purer Dummheit. Ich war zeitig in Wien und irrte erstmal mit dem Smartphone in der Hand umher. In die völlig falsche Richtung fuhr ich. Und dann war diese VHS in Hietzing eine Himmelreise. Mannohmann. Clemens Nachtmann machte hochinteressante Ausführungen, aber ich kämpfte gegen meine Müdigkeit. Nichtsdestotrotz folgte eine zwei Stunden lange Autofahrt kreuz und quer durch Wien, die von Fauchen, Kehrtwenden und häufigem kurzen Kontakt mit Einheimischen unterbrochen wurde. Wir saßen bei einem Freund, der uns ein Mahl zubereitet hatte und tranken mehrere Flaschen Rotwein. Auf dem Weg zur Pension in der Nähe vom Westbahnhof zischten Nutten mich an.

Der zweite Tag begann wieder mit Desorientierung. Nun ging es ja zum Institut Francais de Vienne in der Währinger Straße. Nebenan am Schottenpoint hatte ich erst an Neujahr genächtigt, was mich nicht davon abhielt, wieder zu suchen. Ich kann mir eigentlich immer alles merken, stelle aber doch immer wieder fest, daß ich eben leider unglaublich blöd bin. Die Sonne schien auf das zwischen Bäumen gelegene Institut. Die Esther-Marian-Lesung forderte gleich wieder Höchstkonzentration, nahm mich aber auch mit. Ich war über mich erstaunt, wie ich den ganzen Tag zuhörte, abgesehen von wenigen, ganz kurzen Abschalt-Momenten. Die Sonne schien intensiv auf die draußen Rauchenden. Zum Schluß Justus Wertmüllers ausgezeichnetes Referat und ein Vortrag von Robert Redeker, der leicht vom Konferenz-Thema wegging. Ein letztes Statement von ihm sorgte für leichte Irritationen. Mit Gerhard Scheits wunderschönem Stichel-Schlußwort im Ohr aß ich einen Falafel-Teller. Aber ich hörte weiterhin zu und war längst irgendwie und irgendwo abgehängt. Dabei saß ich doch mit anderen Müden zusammen. Einer von ihnen spielte mir auch einige Bälle zu, aber ich konnte kaum einen mehr annehmen. Nach einigen Bieren in der Blue Box verabvschiedete ich mich von Wenigen, mit denen ich wenig gesprochen hatte und lief etwas verstimmt wieder im Kreis. Als im Morgengrauen mich eine Prostituierte am Arm zerrte, wußte ich, daß ich fast am Ziel sein mußte.

Das Ereignis von heute morgen dagegen hab ich immernoch nicht richtig verarbeitet. Liege ich vielleicht immernoch irgendwo in Wien rum und schlafe?