Tag Archives: Literaturkritik

Ein Wiesel in der Ekelstadt – Wilhelm Genazino zum 70. Geburtstag

10 Mrz

„Auf der Rheinau lebt auch eine Familie Genazino, aber die schätzt ihn nischt so sehr. Also als Person. Sind natürlich auch immer interessiert und so weiter“. Eine ältere Dame hinter mir hat Platz genommen und spricht mit einer älteren Dame neben mir.

Wilhelm Genazino, in Frankfurt lebender Mannheimer, ist in Mannheim. In Mannheim findet das siebte Literaturfestival lesen.hören statt, zum vierten Mal mit Wilhelm Genazino. Vor drei Jahren, als er in der Alten Feuerwache las und sein Roman „Wenn wir Tiere wären“ gerade in Arbeit war, habe ich schon mal darüber gebloggt. Wieder moderiert Thomas Groß vom Mannheimer Morgen, aber der Veranstaltung läuft diesmal in der Mannheimer Universität, im Südostflügel des schönen Mannheimer Schlosses. Immer wieder muß ich mir klarmachen, daß es wirklich schon 15 Jahre her ist, daß ich hier studierte, während ich durch den Gang mit sehr niedrigem Dach laufe. „War das zu Deiner Zeit auch schon so schick und modern. Sieht ja alles aus wie neugemacht“, fragt mich meine Mutter, als wir den Saal betreten. Ich weiß es nicht mehr.

Vor der dem Abend mit Wilhelm Genazino im schönen Mannheimer Schloß stellte Peter Hamm noch seinen Film über Peter Handke im Kino Atlantis vor. Doch – obwohl ich eine Karte hatte – ohne mich. Schließlich war zur selben Zeit Derby. Und ganz abgesehen davon war ich noch immer nicht hundertprozentig bei Kräften. Zwei Lesungen hintereinander wäre dann doch zuviel gewesen.

Genazino liest einige Texte aus seinem neuen Buch „Tarzan am Main“ – Sparziergänge in der Mitte Deutschlands, das starke autobiographische Züge hat. Er schreibt nicht nur über Spaziergänge in Frankfurt, die aber genauso gut in Köln oder eben in Mannheim stattfinden könnten, er schaut zurück auf die Zeit, in der er nach Frankfurt kam, und er schreibt aus seiner Kindheit. Zu Tarzan habe er ein sehr intensives Verhältnis gehabt. In seiner Mannheimer Kindheit erhielten seine Nachbarn Pakete aus dem fernen Amerika und darin waren Tarzan-Comics, die es zu der Zeit in Deutschland noch gar nicht gab. Und den ersten Tarzan-Film mit Johnny Weissmüller habe er damals in einem kleinen Mannheimer Kino „Im Müllerle“ gesehen. Mit der stummen Jane, die er sich einfach packte. Und die dann tatsächlich mitflog.

Frankfurt hat trotz Buchmesse, Goethe, Schopenhauer und Adorno nie den Anspruch erhoben, Literaturstadt zu sein. Es ist und bleibt die Ekelbänkerstadt. Da laufen selbst in Ecken, an denen man meint, man sei in Gütersloh, die Hunde mit den Rentnern rum. Das ist der städtische Wildwuchs, der darum so faszinierend ist.

Das Gespräch kommt dann auch auf den Roman, an dem Wilhelm Genazino derzeit arbeitet. Er habe derzeit etwa die Hälfte. Da sei er also noch in der Phase, in der er das Projekt auch eventuell abbrechen müsse. Mindestens zwei Drittel müsse man haben, um sich einigermaßen sicher zu fühlen. Thema sei jedenfalls das Individuum, und wie es mit der Aggressivität der heutigen Gesellschaft zurechtkomme. Ob die Sozialkritik, die in den letzten Büchern in den Hintergrund getreten sei, wieder hervortrete, will groß wissen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. An Gesellschaftskritik hätten die Schriftsteller alles gesagt.

Den Mann, der in seine Bockwurst beißt, während ein Hund ihn anpinkelt, könne er nicht mehr bringen. Obwohl solche Dinge immernoch passierten. Welche Beobachtungen er mit seinem gedehnten Blick denn auf dem Weg ins schöne Mannheim gemacht habe, will Groß wissen, nachdem er sämtliche Punkte auf seinem Notizzettel abgehakt hat. Wilhelm Genazino erzählt stattdessen vom Frankfurter Westend, wo er einen Wiesel gesehen habe. Es gebe tatsächlich Wiesel in Frankfurt, so groß wie ein Kinderarm. Das stehe auch in der Zeitung. Die ältere Dame neben mir kann vor Lachen sich nicht halten.  Genzino selbst lächelt sehr verschmitzt.

Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 70. Geburtstag!!

Hitchens im Kampf gegen den Krebs

10 Okt

Heute möchte ich euch einen Artikel aus der New York Times ans Herz legen, ein Artikel über Christopher Hitchens, einen der großartigsten Essayisten der englischen Sprache. Über das Bild von ihm kann ich nichts sagen. Bei Hitchens wurde im Juni vergangenen Jahres Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Er wird wohl nicht mehr lange leben. Noch schreibt er unermüdlich voran. Wöchentlich erscheinen weiterhin seine Kolumnen im Online-Magazin Slate und vor kurzer Zeit ist seine essaysammlung Arguably erschienen. Wen beeindruckt nicht eine solche Schaffenskraft? Nun hatte er wieder mal einen öffentlichen Auftritt anlässlich der Auszeichnung eines Atheistenvereins, wo ihm der Preis von Richard Dawkins verliehen wurde. Der Auftritt gab Anlaß zu oben genanntem Text.

Hitchens stammt aus England, zog vor dreißig Jahren als junger Mann in die USA, wohnt in der Hauptstadt und bekam vor wenigen Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft. In seinen Texten beschäftigt er sich mit internationaler Politik, Literatur und Religion. Hitchens gehört zu den neuen Atheisten, zu denen eben auch Dawkins zählt, einer recht ressentimentgeladenen Strömung (in diesem Zusammenhang sei auf den Beitrag von Leo Elser über Religionskritik und Ressentiment in der vorletzten Bahamas verwiesen). Zudem hat er eine Vergangenheit als Antizionist, aus der auch heute noch einige Spuren an ihm haften. Seine vehemente Unterstützung der Irak-Intervention dürfte dennoch einer häufigsten Referenzen der liberal hawks gewesen sein.

Nichtsdestotrotz: Hitchens ist auch in meinen Augen einer wichtigsten lebenden Intellektuellen. Sein Kampf gegen den Krebs ist so bewegendwie jeder solcher zahllosen Kämpfe. Er ist dabei einer derer, die eine ganz enorme Kraft ausstrahlen.